Kultur : Ein Stück Papst Von Johannes Paul II. kursieren erste Reliquien

Paul Kreiner

Dass sich Papst Johannes Paul II. nicht in heimischer Erde bestatten lassen wollte, sondern im Vatikan, haben viele Polen nur schwer verwunden. Mit gemischten Gefühlen registrieren sie, dass täglich bis zu 20 000 Pilger im Petersdom zum Grab ihres großen Landsmanns hinabsteigen. Einen derartigen Frömmigkeits- und Wirtschaftsfaktor hätten sie gerne im eigenen Land.

Und sie kriegen ihn nun: Eine Warschauer Kirche richtet derzeit ein KarolWojtyla-Ersatzgrab ein. Zur Verehrung wird ein Tuch gezeigt, mit dem Umstehende am 2. April dem sterbenden Papst das Gesicht abgewischt haben sollen. Kardinal Glemp habe das Tuch aus Rom mitgebracht, wird erzählt; es sei die erste Reliquie des angehenden Nationalheiligen.

Zumindest das stimmt nicht ganz. Denn schon die 250 Bischöfe aus aller Welt, die im Oktober zur Synode im Vatikan versammelt waren, haben eine „erste“ Reliquie bekommen. Auf eine Art Heiligenbildchen gepresst erhielt jeder, ohne Ansehen seiner Nationalität, ein fingernagelgroßes Stück aus einer von Johannes Paul II. getragenen Soutane. Damit hat, noch im Bereich der Pietät gegenüber frisch Gestorbenen, eine Zerlegung dieses Papstes begonnen, wie sie im Lauf der Kirchengeschichte vielen tausend anderen Heiligen widerfahren ist. Die Römer machten ihre Katakomben zu Goldgruben. Manche Knochen stammten von echten urchristlichen Märtyrern, andere Heilige wurden zu Verkaufszwecken eigens erfunden.

Der Markt für Reliquien war immer schon global. Kirchen, Klöster und Fürstenhäuser gaben Unsummen aus, um durch reichhaltige Kollektionen ihr religiöses Ansehen zu mehren. Andererseits prägte echte, tiefe Frömmigkeit die Sammelwut: Wer vor möglichst vielen Heiligen betete, konnte im Jenseits mit einem umso kräftigeren Nachlass auf die unvermeidlichen Sündenstrafen rechnen. Und das Zittern vor dem Ewigen Richter war gewaltig. Bis heute wird in jeden neuen katholischen Altar zumindest ein winziges Reliquienteilchen eines Heiligen gebettet. Auf dass sich der Theologen-Satz bewahrheite, demzufolge „das Blut der Märtyrer die Saat für neue Christen“ ist.

Getragen von der Volksfrömmigkeit hat sich in katholischen Ländern die Reliquienverehrung erhalten. Zweimal jährlich warten im Dom von Neapel Tausende von Italienern darauf, dass sich das Blut des Heiligen Januarius verflüssigt. Bleibt das Wunder aus, gilt dies als schlechtes Omen. In den Ländern der Reformation hingegen hat sich die kirchliche Reliquienverehrung erledigt. Aber wer weiß: Vielleicht ist ja der weit verbreitete Wunsch nach Autogrammen diverser Stars, die verehrend-anbetende Nachahmung ihres Kleidungsstils sowie die Versteigerung ihrer Gebrauchsgegenstände – global bei Ebay – nichts weiter als die weltliche Spielart einer als altmodisch abgetanen Frömmigkeitsform.

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