Kultur : Ein Tag, so schön

So jung kommen wir nie mehr zusammen: zum Finale des 3. Berliner Young Euro Classic-Festivals

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Die „Meistersinger“-Ouvertüre, mit der das Bundesjugendorchester das Young Euro Classic-Abschlusskonzert eröffnete, passte gut zum Festival - geht es doch in Richard Wagners Oper auch um den Kampf zwischen Neu und Alt, zwischen jungen Wilden und traditionsverhafteten Konservativen. Unbeschwert und mit Liebe im Herzen wie Wagners Ritter Stolzing trat eine Truppe fantasiebegabter Klassikfans vor drei Jahren an und überrumpelte die Meistergilde der Hochkulturinstitutionen: Young Euro Classic singt das Preislied auf die Neue Musik, auf die Komponisten von heute. So etwas gilt den subventionierten Herren als Kassengift. Mit einer Auslastung von sagenhaften 87 Prozent (12 Prozent Steigerung gegenüber 2001) und einer allabendlichen Stimmung im großen Konzerthaussaal, wie man sie manchmal die ganze offizielle Saison über vergeblich sucht, straft das privat organisierte Festival alle seine Konkurrenten Lügen: 20 000 Besucher bei 16 Konzerten mit zehn Uraufführungen, sieben deutschen Erstaufführungen und auch ansonsten überwiegend Stücken des 20. Jahrhunderts!

Dass nun ausgerechnet das Bundesjugendorchester am Sonntag mit einem äußerst konventionellen Programm anreist, mag man mit Hans Sachs’ Worten entschuldigen: „Der Regel Güte daraus man erwägt, dass sie auch mal ’ne Ausnahm’ verträgt.“ Zumal die jungen Musiker unter der Leitung von Gerd Albrecht die „Meistersinger“-Ouvertüre prachtvoll erstrahlen lassen. Dass das Berlin-Gastspiel den Endpunkt der Sommertournee bildet, ist deutlich zu hören. Mit souveräner Präzision entfaltet sich die festliche Klangpracht, von Albrecht ganz auf opernhafte Plastizität getrimmt: frisch gewienerter Blechbläserglanz ohne einen Schatten des Selbstzweifels.

Mit Hans Werner Henzes „Barcarola per grande orchestra“ folgt ein Werk, wie geschaffen für Young Euro Classic: Neue Musik, die auch von Gefühlen erzählt, im Kopf des Zuhörer Bilder entstehen lässt – das sind Qualitäten, die vom Publikum des Festivals geschätzt werden. Gerd Albrecht kommt ihnen entgegen, betont das Gestische in Henzes Musiksprache, arbeitet die sinnliche Komponente heraus, scheut auch vor starken theatralischen Effekten nicht zurück.

Meistersingerhafte Festwiesenstimmung herrscht nach dem Schlussakkord von Beethovens 7. Sinfonie. Eine Begeisterung, die der Kritiker teilen mag, soweit sie die grandiose Komposition und das Engagement der Musiker betrifft. Dass Albrecht die 14- bis 20-Jährigen wie „echte“ Erwachsene behandelt, führt allerdings nicht dazu, dass sich dort Tiefgründigkeit einstellt, wo jugendliches Feuer verloren geht. So bleibt es interpretatorisch beim klassischen Flachrelief – und dem Beweis, dass es für Jugendorchester fruchtbringender ist, Neuland zu beackern: Auf Anhieb die Meister auszustechen – so wie Ritter Stolzing –, das gelingt eben nur in den seltensten Fällen. Oder in der Oper. Frederik Hanssen

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