Kultur : Ein Tenor nicht nur fürs Stadion

Rolando Villazon singt Monteverdi

Frederik Hanssen

Rolando Villazon und Claudio Monteverdi passen perfekt zusammen. In ihrem Streben nach leidenschaftlich-dramatischem Ausdruck sind der mexikanische Tenor und der italienische Komponist Brüder im Geiste. Was macht da schon ein Altersunterschied von 405 Jahren.

Der 1567 geborene Monteverdi war einer der ersten Opernkomponisten und führte die Gattung mit seinem „Orfeo“, mit „Il ritorno d’Ulisse in patria“ sowie „L’incoronazione di Poppea“ gleich auf einen Höhepunkt. Erst bei Giuseppe Verdi sollte das italienische Musiktheater im 19. Jahrhundert wieder eine solche Tiefe und Individualität in der Charakterzeichnung der Figuren erreichen. Geschult hatte der geniale Tonsetzer seine emotionale Nuancierungskunst am fünfstimmigen Madrigalgesang. Nachdem er lange Jahre dem Herzog Gonzaga in Mantua gedient hatte, wurde Monteverdi 1613 zum maestro di cappella am Markusdom in Venedig berufen. Einen spannenderen, prestigereicheren Posten gab es zu dieser Zeit in ganz Europa nicht: Neben den großartigen Arbeitsbedingungen auf dem Gebiet der Kirchenmusik stand auch das kulturelle Leben in den Palazzi der Adligen und den öffentlichen Opernhäusern in voller Blüte. In dieser kreativen Atmosphäre komponierte Monteverdi 1624 sein „Combattimento di Tancredi e Clorinda“ – und schuf damit eine ganz neue Gattung, die er concitato genere nannte, den „erregten Stil“.

Das „Combattimento“ ist ein Stück über die Liebe, den Krieg und die zerstörerische Kraft, die beiden innewohnt. Der Christ Tancredi liebt die Sarazenin Clorinda, doch als sich beide in voller Rüstung auf dem Schlachtfeld begegnen, erkennt er sie nicht wieder, trifft sie tödlich im Duell. Erst als er dem vermeintlichen Feind den Helm abnimmt, erkennt Tancredi die Geliebte. Im Angesicht des Todes bittet Clorinda um die Taufe.

Keine 18 Minuten dauert Monteverdis Vertonung aus Torquato Tassos „Gerusalemme liberata“ – und ist doch eine der größten, anrührendsten Szenen der Musikgeschichte. Auf der jetzt bei „Virgin Classics“ erschienenen Neuaufnahme unter der Dirigentin Emmanuelle Haim übernimmt Rolando Villazon die Rolle des testo, des Erzählers: Und er fesselt den Zuhörer vom ersten Takt an. Dabei ist die musikalische Rhetorik des Frühbarock Neuland für den Tenor, der sich bislang vor allem aufs romantische Repertoire konzentriert hat. Angetrieben vom atemlosen, erregten Spiel des Orchesters, stürzt sich Villazon mit rückhaltloser Emotionalität in die Geschichte und trifft dabei aber wie von selbst den Gestus des recitar cantando, des dramatischen Sprechgesangs.

Mit dieser überraschenden, überwältigenden CD beweist Rolando Villazon einmal mehr, dass er der Tenor des 21. Jahrhunderts ist. Okay, er tritt für die Massen in Fußballstadien auf, macht mit bei der Medienmaschinerie, weiß sich zu verkaufen. Aber sein Horizont hört eben nicht bei den Wunschkonzerthits auf, er strebt nach stilistischer Vielseitigkeit – und er nimmt sich ein Beispiel an Cecilia Bartoli, die mit ihrem guten Namen Komponisten wie Gluck und Salieri zu neuem Ruhm verholfen hat. Und er ist intelligent genug, mit Spezialisten zusammenzuarbeiten, in diesem Fall mit dem Shootingstar der Alte-Musik-Szene, der französischen Dirigentin Emanuelle Haim, sowie Patrizia Ciofi und Topi Lehtipuu als Gesangspartnern beim „Combattimento“ wie auch bei den Duetten aus Monteverdis 7. Madrigalbuch sowie seinen Scherzi musicali.

Ab 19. Januar zeigt die Lindenoper Luc Percevals Inszenierung des „Combattimento di Tancredi e di Clorinda“ sowie der Marienvesper. Es dirigiert René Jacobs.

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