Kultur : Ein teurer Deal

Warum Berlin ein Warhol-Bild von Erich Marx kauft, das bereits im Hamburger Bahnhof hängt

Christina Tilmann

Was ist passiert? Kunstsammler Erich Marx hat ein Bild verkauft, den „Big Electric Chair“ von Andy Warhol. Gekauft hat es die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, für den Hamburger Bahnhof, wo die Sammlung Marx und damit auch der Warhol seit 1996 als Dauerleihgabe hängen. Man spricht von einem Kaufpreis von über fünf Millionen. Weniger, als der Warhol einbringen würde, wenn er im Handel verkauft würde: Es habe ein attraktives Angebot aus den USA gegeben, war von der Stiftung zu vernehmen, und man habe das Bild für Berlin sichern wollen. Und doch ist die Summe höher, als die Staatlichen Museen mit ihrem schmalen Ankaufsetat sich eigentlich leisten kann, weshalb Lottomittel und andere Zustiftungen in Anspruch genommen werden. Das Geld wird den anderen Museen fehlen.

Das ist ärgerlich, aber vertretbar, wenn das Bild dafür dauerhaft in Berlin bleibt. Warum also das Schweigen von Seiten der Stiftung, die den Deal nicht etwa freudig verkünden, sondern diskret abwickeln wollte? Vor einem Jahr wurde der Leihvertrag zwischen den Staatlichen Museen und Erich Marx neu verhandelt, mit dem Ziel, die Werke von Beuys, Warhol, Cy Twombly und Rauschenberg auf Dauer für Berlin zu sichern. Eine für beide Seiten attraktive Liaison: der Hamburger Bahnhof, ohne bedeutende eigene Sammlung und ohne die Mittel, eine solche aufzubauen, stünde ohne die Werke der Sammlung Marx arm da. Diese wiederum erhalten erst in dem von Josef Kleihues eigens für diese Arbeiten gestalteten Bau einen glänzenden Präsentationsrahmen, quasi ein Einzelmuseum für die Sammlung Marx.

Nun hat die Stiftung den Deal doch bezahlen müssen. Und damit gezeigt, wie abhängig sie von der Gunst des Sammlers ist. Denn gleichgültig, ob der Warhol-Ankauf schon mit der Vertragsverlängerung zusammen ausgehandelt wurde: Werke seiner Sammlung zu verkaufen, kann Marx niemand verwehren, eine entsprechende Klausel ist auch im neuen Leihvertrag enthalten. Er hat in der Vergangenheit auch mehrmals verkauft, allerdings nur, um damit wieder neue Kunst zu kaufen: „Meine Sammlung soll lebendig bleiben“, hat er dazu vor einem Jahr im Interview gesagt. Doch abhängig, erpressbar ist die Stiftung damit geblieben. Und wird, um Werke für Berlin zu sichern, auch in Zukunft einspringen müssen.

Ein prekäres Abhängigkeitsverhältnis also, in das sich die deutschen Museen immer häufiger begeben – mit dramatischen Folgen: sei es, dass Sammler ihre Sammlung wieder abziehen, wie in Frankfurt und Weimar geschehen, sei es, dass sie sie, wie im Fall Grothe in Bonn, als Ganzes verkaufen oder sie, wie Flick, überhaupt nur auf begrenzte Zeit überlassen. Solche Absichten mag man Erich Marx nicht unterstellen. Doch selbst der Galerist Heiner Bastian, Kurator der Sammlung Marx und an den Verkaufsverhandlungen nicht beteiligt, spricht davon, dass er die Notwendigkeit des Geschäfts nicht erkennen könne, und fordert einen verbindlichen Codex für das Miteinander von Museum und Sammler. „Beide Seiten machen Fehler, immer wieder. Ein verbindlicher Codex, wie in den USA längst vorhanden, tut auch Deutschland dringend Not.“

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