Kultur : Ein Theater-Triumph zwischen Kitsch und Kunst in der Neuköllner Oper

Christian Schröder

Oh Täler weit, oh Höhen! Majestätisch liegt der Bergsee da, baumumstanden und eingekeilt zwischen Gebirgszügen, auf deren Spitzen der Schnee glitzert. Doch in der Neuköllner Oper ist dieses Alpenpanorama nichts weiter als ein Flohmarktbild, das Schwester Maria, die gute Seele des Musicals "The Sound Of Music", an die Bühnenwand nagelt. Und die Berge, von denen aus sie allabendlich den Rundblick genießt, sind nur drei Stehleitern, die ächzend erklommen werden müssen. Oben angekommen, ist Maria so überwältigt, dass sie sofort ein Lied anstimmt: "Die schönste Musik ist das Lied der Berge / Mein Herz singt dies Lied mit voll Seligkeit." "The Sound Of Music" ist nicht nur eines der erfolgreichsten, sondern auch der größten Broadway-Musicals. Es ausgerechnet in der vergleichsweise winzigen Neuköllner Oper herauszubringen, ist ein tollkühnes Unterfangen. Improvisationslust ersetzt aufwendige Dekorationen, über dramaturgische Löcher wird beherzt hinweggesungen. Die Inszenierung von Robert Lehmeier balanciert zwischen Kitsch und Kunst - und macht aus dem angestaubten Stadttheaterstoff einen Trash-Triumph.

Wer weder das Musical von Richard Rogers und Oscar Hammerstein aus dem Jahr 1959 noch Robert Wises Verfilmung von 1965 kennt, muss sich die Handlung von "The Sound Of Music" als Mischung aus der "Geierwally" und der TV-Serie "Die Waltons" vorstellen - nur mit Gesang. Ort: irgendwo im Salzkammergut. Zeit: 1938, kurz vor und nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland. Baron von Trapp (Erwin Bruhn), der den Zeiten als U-Boot-Kapitän in der k. u. k. Kriegsflotte hinterhertrauert, lässt seine sieben Kinder nach seiner Pfeife tanzen. Der militärische Drill endet erst, als Schwester Maria (Antje Rietz) aus einem naheliegenden Kloster als Hauslehrerin bei der Familie anheuert. Die Kinder - gespielt vom Kinderchor der Gropiuslerchen - trimmt sie zur erfolgreichen Gesangsformation. Doch statt vor dem Führer zu trällern, wandert die Familie nach Amerika aus. Schließlich ist Vater Trapp Patriot, für den nach dem Anschluss Österreich zu existieren aufgehört hat. In den USA wartet die Weltkarriere.

"Ein Paar wie jedes andere / mehr wollen wir nicht sein / Und alles, was ich mir wünsche, / ist bei dir zu sein", schmachten der Baron und Maria einander zu, als sie sich gefunden haben. Der Schmalz solcher Verse und die Familienideologie des Stückes sind nur deshalb zu ertragen, weil sie bis ins Groteske übersteigert werden. Als Kapitän Trapp zum ersten Mal auftaucht, sitzt er in der Badewanne und beguckt sich die Welt mit dem Feldstecher: ein Seemann auf dem Trockenen. Und Frau Schrader (Silvia Bitschkowski), die es auf den reichen Witwer abgesehen hat, stiefelt im Lackdirndl mit einem forschen "Heil Hitler" auf die Bühne: die blondeste Versuchung seit Eva Braun. Sogar ein echtes Berggewitter kann das an langen Festzelttischen kauernde Publikum erleben, mit Regen aus der Wasserpistole. Das Allerschönste: Es gibt keinen einzigen Haider-Witz!Wieder heute, Mi und kommenden Sa, 20 Uhr

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