Kultur : Ein Tisch aus Träumen

Der Briefwechsel zwischen Wolfgang Koeppen und seinem Verleger Siegfried Unseld

Jan Schulz-Ojala

Ende 1974 erschienen die Vorzeichen geradezu unverschämt günstig. Wolfgang Koeppen, 68 Jahre alt, war soeben mit großem Hallo vor 2000 Leuten zum Stadtschreiber von Bergen-Enkheim berufen worden, auf dem Kritikerempfang der Buchmesse hatte er aus einem neuen Manuskript gelesen, da fasste sein Verleger Siegfried Unseld sich ein Herz. Nach unzähligen vergeblichen Anläufen in der mittlerweile 15-jährigen, stürmischen Verleger-Autor-Beziehung kündigte er im Suhrkamp-Frühjahrsprogramm die langersehnte Sensation an – „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“, Koeppens ersten neuen Roman seit 20 Jahren. Was Unseld nicht wissen konnte: „An dem Roman, aus dem ich in Frankfurt gelesen hatte, schreibe ich nicht weiter“, notierte sich der hochsensible Autor. „Keine Zeile mehr. Er war entjungfert.“

Mit der todesmutigen Fehl-Annonce machte sich der Suhrkamp Verlag damals zum Gespött der Branche. So tönt der Klappentext zum jüngsten Projekt geradezu abenteuerlich: „Ein neuer Roman von Wolfgang Koeppen ist anzukündigen.“ Aha, endlich das Werk, auf das wir immer gewartet haben? Doch der Satz erweist sich als selbstironische Pointe aus jenem Reich zwischen ewigen Finten und unvermutetem Bekenntnisdrang, dessen König Wolfgang Koeppen selber war. Allenfalls ein Briefroman aus Realien ist dieser klug edierte Schmöker – die knapp 500 Elemente umfassende Korrespondenz zweier komplementärer deutscher Geister des 20. Jahrhunderts. Kein Roman auch, weil das Ende bekannt ist: Unseld hat seiner Autorenlegende namens Koeppen in dreieinhalb Jahrzehnten kein einziges neues großes Manuskript abringen können (auch „Jugend“ von 1976, Kompilation und Fragment, fermentierte schon lange in der Schublade). Und doch, ein Roman. Und was für einer: spannend und quälend, mit Längen und erschütternden Augenblicken der Konfrontation. Einer zum Auflachen oft und zum Heulen irgendwann auch.

Als jungdynamischer Mittdreißiger hatte Siegfried Unseld, Thronfolger des soeben verstorbenen Peter Suhrkamp, 1959 dem 18 Jahre Älteren erste verlegerische Avancen gemacht. Koeppen veröffentlichte damals beim Goverts-Verlag, der in Schwierigkeiten geraten war – und Unseld hoffte auf die erneut sprudelnde Kreativität eines Autors, der von 1951 bis 1954 mit drei atemberaubend schnell geschriebenen und politisch umstrittenen Romanen („Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“) die literarische Nachkriegsbühne erobert hatte. Vielleicht musste man Koeppen nur mit einer fürstlichen Vorschuss-Apanage ausstatten – und dann könnte man nicht nur die Roman-Trilogie einem größeren Publikum bekannt machen, sondern bald auch einen Autor feiern, der Deutschland mit poetischer Wucht immer wieder neu den Spiegel vorhielt?

Trugschlüsse, tragische. Und die noble Ernüchterung eines aus heutiger Sicht unglaublich treuen und spendablen Verlegers, der nur einmal mit einem sehr direkten Stoßseufzer aus der Rolle fiel: „Nun zeigen Sie doch der Welt, dass Sie schreiben können“, heißt es in einem Unseld-Brief vom September 1969. „Immer wieder lese ich wirklich großartige Prosa von Ihnen. Warum nicht diese lächerlichen 60 oder 100 oder 200 Seiten?“ Schon 1964, gut zwei Jahre nach Vertragsbeginn, waren die Vorleistungen an Koeppen bei knapp 80 000 Mark angelangt – Unseld: „Das ist ein Betrag, wie er sicher in dieser Höhe noch nie einem Autor vorgeschossen wurde“ –, doch Unseld hatte außer immer wieder erneuerten Versprechungen und ein paar Auftragstexten nichts von Koeppen in der Hand. Erst der Generalvertrag Anfang 1972, der zum späten „Du“ zwischen Autor und Verleger führte, eröffnete die Möglichkeit, wenigstens die nun frei gewordenen Goverts-Titel neu auszuwerten. Mit anderen Worten: Wolfgang Koeppen war, betriebswirtschaftlich gesehen, über die Jahrzehnte gewiss die gigantischste Fehlinvestition in der Suhrkamp-Geschichte. Der Verlag übernahm bald alles: von monatlichen Vorschüssen über Schecks für Miete bis Autoreparaturen, von den Kosten für Arbeitswohnungen und Sekretärinnen bis schließlich zur Zahlung der Pflegeheimkosten.

Dass diese Großzügigkeit kaum etwas einbrachte: Der Geschäftsmann und verlässliche und besorgte Partner Unseld ahnte es schon früh und wollte doch vom Gegenteil überzeugt bleiben. Koeppen nährte diese Hoffnungen auf formal und dramaturgisch stereotyp verführerische Weise: Wenn er – immer zum letztmöglichen Zeitpunkt – das Scheitern eines Manuskripts einräumte, schwang er sich zu furiosen literarischen Kabinettstücken auf. Dabei musste stets die Ehehölle mit der schwer alkoholkranken, 22 Jahre jüngeren Marion als Grund herhalten, erstmals im August 1967: „Exzesse, Alkohol, Tabletten, Wahnsinn, Depressionen, Kämpfe, Zerstörung, Flucht, Suchen, durchwachte Nächte und Tage (…) Da sie ohne mich, wie sie sagt und wohl überzeugt ist, nicht leben könnte, betrinkt sie sich, um mich hassen zu können (…) Ich kann jedoch den Knoten nicht durchschlagen. Ich führe kein Schwert und bin kein Mörder.“ Immer wieder beschwört Koeppen die Abhängigkeit von Marions Krankheit und weiß dabei doch, aus der Situation stets neue Forderungen an den Verlag abzuleiten. Die Abgabe des Manuskripts, um das es ursprünglich ging? Schon Nebensache.

Ob diese Schilderungen, mal packend, mal nur pathetisch literarisch, wohl selbst erfunden waren? Ein böser Verdacht, der durch mancherlei Zeitzeugen entkräftet sein mag – nützlich aber war das temporäre Tremolo allemal. Dazu passt, dass Marion in den Briefen immer nur im Kontext der Schreibblockaden bemüht wird; ihr Tod 1984 dann wird weder von Koeppen noch von Unseld erwähnt. Irgendwann will einem dieser mit seinen Großvorhaben lebenslang scheiternde und quälend quengelnde Autor wie jene Seelenwaise erscheinen, die er als unehelicher Sohn einer Greifswalder Souffleuse tatsächlich war: Die Kindheit verbrachte er als geduldetes Balg bei einer Tante in Masuren, die Mutter starb, als er 19 war. So absurd es angesichts des so viel jüngeren Unseld klingt: Womöglich hat Wolfgang Koeppen zeitlebens einen Ersatzvater gesucht, der ihm wie dem verwöhntesten aller Kinder ewig Sicherheit geben sollte. Und hat ihn in seinem so vitalen Verleger gefunden.

Nein, keine Abrechnung. Keine Demontage des Mythos Koeppen: Der ist durch seine Romane ohnehin unzerstörbar. Wohl aber sorgt dieser Briefband für ernüchternde Klarheit. In dieser Autor-Verleger-Beziehung hat ausschließlich Koeppen sich ausgetobt, fast bis zuletzt, mit einem Gegenüber, das irgendwann jede Hoffnung auf die „Hauptsache“, jenen lange gemeinsam beschworenen Roman, aufgegeben hatte. Und doch, Koeppen mochte vom großen Ankündigen nicht lassen. Im September 1994, anderthalb Jahre vor seinem Tod, schreibt er Unseld aus dem Pflegeheim: „Komm bei mir vorbei, dass ich dir sage, was ich schreiben könnte, schreiben werde, schreiben will. Komm an meinen leeren Schreibtisch voll von meinen Träumen.“ Schrecklich schöne Wahrheit: Das Leben erfüllt sich erst, wenn man an die eigenen Lügen glaubt.

Ich bitte um ein Wort. Wolfgang Koeppen – Siegfried Unseld. Der Briefwechsel. Herausgegeben von Alfred Estermann und Wolfgang Schopf. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. 584 Seiten, 24.80 €.

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