Kultur : Ein toter ist ein guter Mann

CORDULA DÄUPER

Leere Wodkagläser stehen auf der Bar, einige Flaschen.Türkisfarbenes Licht fällt von draußen durch die Gitterstäbe der Fenster.Hinter dem Tresen steht eine Frau mit vergrämtem Blick und rosa Strickwestchen.Die Annäherungsversuche eines Freundes lehnt sie rigoros ab: Der Typ mit fettigem Haar und aufgeknöpftem Hemd hält um ihre Hand an, darf aber nur die Treue und Geduld der Frau bestaunen, die schon seit 15 Jahren auf ihren Mann, den Matrosen, wartet.

In der "Brotfabrik" zeigen Studenten unterschiedlicher Berliner Hochschulen Darius Milhauds Oper "Der arme Matrose" von 1927.Eine professionelle Miniatur-Opernproduktion - trotz geringer finanzieller und personeller Mittel.Die beengten Bühnenverhältnisse der Brotfabrik überwindet das Ensemble durch die Erweiterung der Spielfläche in das eigentliche Foyer.Dort, wo normalerweise Getränke in der Pause ausgeschenkt werden, steht jetzt die Hafenbar.Zwischen den beiden Podien sitzen die Instrumentalisten: Das Miniorchester besteht aus Klavier, Violine und Saxophon.Der musikalische Leiter und Pianist Christoph Posselt gibt dem Ensemble durch Blickkontakt und einige Dirigierbewegungen hinter seinem Flügel Impulse.Ein gemeinsamer musikalischer Dialog, hervorragend aufeinander eingestimmt, der die Musikalität und das Feingespür aller Beteiligten bestens präsentiert.Die kammermusikalische Fassung für drei Instrumente - aus der Feder Posselts - überrascht mit KIanghomogenität und eindringlich exotischem Sound.

Die triste Eintönigkeit des Hafenstädtchens wird eines Tages durchbrochen, als ein angeblich Fremder die Stadt besucht.In Wirklichkeit ist es der langersehnte Matrose, der zurückgekehrt seine Frau auf die Probe stellen will.Er verleugnet seine Identität, gibt sich als Freund seiner selbst aus und berichtet, daß ihr Mann bald heimkehren werde, leider völlig verarmt.Er selbst hingegen habe wertvolle Perlen bei sich.Der Fremde bittet die Frau für eine Nacht um Obdach, sie gewährt ihm den Wunsch und erschlägt ihn im Schlaf, um sich der Perlen zu bemächtigen.

Die Sänger spielen - gut textverständlich - die Geschichte, doch bleiben die Charaktere undifferenziert.Tiefgehende Motivationen sind nicht zu erkennen.Schauspielerisch bleiben die Sänger aussageschwach, entfernt von inneren Gefühlszuständen.Wahrscheinlich raubt ihnen die Konzentration auf die anspruchsvolle Musik einen Großteil an Energie.Auch die Regisseurinnen (Solvejg Bauer und Verena Harzer) fügen den puren Handlungswegen keine weitere psychologische Dimension hinzu.Warum mordet die Frau? Die Regie zeigt sie abgestumpft und gefangen in ihrer eigenen Idee des Schicksals.Gleichgültig, ob sie vom Überleben ihres Mannes erfährt oder ihn tötet: Ihr Gesicht bleibt immer gleich verhärmt, ohne inneren Aufruhr.

Reizvoll bei Milhauds Oper ist der Gegensatz der unaufgeregten Musik in flächigen Bögen zum von Jean Cocteau in Worte gefaßten dramatisch-grausamen Libretto.Wunderbar paßt die schnörkellose, etwas baufällige Brotfabrik als Aufführungsort.Die differenzierten Lichtstimmungen unterstreichen die kalte Atmosphäre.Die Sänger Lilia Milek, Hartmut Kühn, Klaus Reiher und Kay Hofmann füllen den Raum mit ihren tragenden Stimmen.Unaufdringlich gradlinig kommt die Oper in 45 Minuten daher, ein gelungener Gegenpol zum üblichen samtschweren Opernzirkus.

Brotfabrik, Prenzlauer Promenade 3, noch am 17.und 18.April, jeweils

20.30 Uhr.

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