Kultur : Ein toter Vogel in der Tasche

Ehekrisen, Mordabsichten und kein Ausweg: Martin Crimps „Der Handel mit Clair“ im Berliner Gorki Studio

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Clair stolpert durch das höhlenartige Haus und weiß nicht, wie ihr geschieht. Warum reden Mike und Liz auf sie ein und betonen, dass sie das Maklergeschäft abstoßend finden und ihr Haus zu einem fairen Preis verkaufen wollen? Was hat es mit James auf sich, diesem Zyniker, der unter dem Vorwand, das Haus kaufen zu wollen, Clair immer wieder in die gruftartige Immobilie lockt und in einen Psycho-Kleinkrieg verwickelt? Es ist ein merkwürdiger Handel, den Clair, die Maklerin, die stets einen toten Vogel in ihrer Handtasche mit sich herumträgt, abschließen soll. Oder wird gar nicht um einen Immobilien-Deal gerungen, sondern um Leben und Tod gespielt? Martin Crimps „Der Handel mit Clair“, von Susanne-Marie Wrage im Studio des Maxim Gorki Theaters inszeniert, schließt nahtlos dort an, wo „Auf dem Land“, der von Luc Bondy jüngst als Berlin-Zürcher Koproduktion am BE aufgeführte surreale Bühnenthriller endete. Wieder bleibt das Wichtigste ungesagt, zeigt sich der britische Autor als Meister der Verrätselung. Aus Andeutungen glaubt der Zuschauer, mögliche Ehekrisen und Mordabsichten herauszuhören, doch eigentlich geschieht das meiste in der Fantasie des Beobachters, der sich auf das Gesagte/Nicht-Gesagte sowie auf unerklärliche Aggressionen und sexuelle Ausbrüche seinen Reim macht.

Das Ehepaar, das immer wieder weiter macht, weil es zu feige ist, aufzuhören, lebt diesmal nicht auf dem Land, sondern in der Stadt. Zwar hat die bisher vor allem als Schauspielerin bekannte Regisseurin keine Susanne Lothar und keinen August Zirner, die die unausgesprochenen Verletzungen und Verhärtungen der Ehehölle in Körpersprache umsetzen konnten. Aber auch Silvina Buchbauer (Liz) und Thomas Bischofberger (Mike) geben sich alle Mühe, die unterdrückten Wünsche und Ängste aus sich herauszuquälen. Sie, die keinen Satz ohne gegenseitige Anklage herausbringen können, haben ein großes Geheimnis. Irgendetwas stimmt nicht mit dem schick designten Haus. Waren das, was sie im Dämmerlicht aus der klumpigen Erde ihres Gartens klauben, Puppen- oder Leichenteile? Welche Rolle spielt das angebliche Hausmädchen Anna (Gunda Aurich), das in der einen Szene wie eine Sklavin gehalten und gedemütigt wird, um sich in der nächsten lasziv mit Mike und Liz auf dem Sofa zu räkeln?

Natürlich sind das nur falsche Spuren einer von Wrage mit schnörkellosem Tempo vorangetriebenen Schnitzeljagd. Ablenkungsmanöver von der existenziellen Geschichte. Sie handelt von James (Vincent Leittersdorf) und Clair (Bettina Hoppe) und spitzt sich zu einer Auseinandersetzung um Leben und Tod zu. Es ist verstörend, diesen großartigen Darstellern zuzusehen, wie sie sich gegenseitig aus der Fassung bringen. Der Immobilienhandel ist nur ein Vorwand, die geschäftsmäßige Hülle des anderen aufzubrechen. Wenn die unter sauberer Oberfläche brodelnden Begierden ausgelebt sind, weitetet sich der Blick, aber nicht ins Freie. Panzer sind aufgefahren, Demonstrierende wüten. Während drinnen der Beziehungskampf weiter geht, herrscht draußen Krieg. Kein Ausweg. Frank Dietschreit

Wieder am 18., 19., 26. Sept., jeweils 20 Uhr

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