Kultur : Ein Tragiker

Der Fall Furtwängler: ungelöst, unlösbar

Christine Lemke-Matwey

Furtwängler, der Ätherische, ewig Gramgebeugte. Der Deutsche. Der Virtuose gestischen Nuschelns. Der Tragiker. Der überlebensgroße Empfindsame, der bei den Proben zur Uraufführung seiner zweiten Symphonie 1948 im Berliner Titania-Palast schon einmal in Ohnmacht fiel, so sehr ergriff es ihn: „Wenn ich ein eigenes Werk aufführe, fühle ich mich wie ein 16-jähriges Mädchen, das sich vor alten Lüstlingen ausziehen muss.“ Furtwängler, der Zarte, Keusche.

Es ist unmöglich, bei Furtwängler nicht über das Politische zu sprechen. Es ist unmöglich, in ihm den Nur-Musiker zu sehen, den unversehrt heiter umwölkten, allen Zeitläuften enthobenen Humanisten und Idealisten. Und zwar nicht, weil dies gegenüber deutschen Künstlern, die nicht emigrierten, die drängenden Fragen nach 1945 waren (bei Gründgens, der Hoppe, Leni Riefenstahl, Heinrich George ...). Nein, Furtwängler selbst lässt nicht zu, dass über die Bedingungen seines Musikmachens geschwiegen wird. Die Musik, sagt er, ist ein unteilbares Ganzes. Das Einzelne darin zählt nichts. Wie also wäre die Musik selbst jemals einzeln und für sich zu betrachten gewesen, als Paralleleuniversum und einen gänzlich anderen Stern besiedelnd als all die Menschen, die ihrer so dringend bedurften?

Furtwängler hielt dem Dritten Reich die Treue. Das weiß die Welt. Trotzdem jagt einem eine aktuelle Ausstellung wie „Le IIIième Reich et la Musique“ in Paris Schauer über den Rücken: ein Künstler im Wald der Hakenkreuzfahnen; Nazi- Größen, reihenweise, in den philharmonischen Konzerten; umjubelte Aufmunterungsauftritte in Rüstungsfrabriken und Lazaretten. Immer wieder neu erschrickt man über die Massivität dieses ideologischen Drucks. Wie hat Furtwängler das, mit Verachtung im Herzen, jemals verantworten und ertragen können?

Wilhelm Furtwänglers Musik begriff sich als Bollwerk wider die Barbarei – und war doch Bestandteil derselben. An dieser grellen Paradoxie ist der Künstler, der Mensch zu Grunde gegangen. Ein ehrbares Ende, sozusagen? „Jetzt konnte ihn niemand mehr verletzen“, schreibt Elisabeth Furtwängler in ihren Erinnerungen mit Blick auf sein Totenbett.

0 Kommentare

Neuester Kommentar