Kultur : Ein Tragischer

Der Schriftsteller Fritz Rudolf Fries wird 70

Helmut Böttiger

Es gab eine Zeit, da war Fritz Rudolf Fries ein berühmter Dichter. In den Achtzigern und frühen Neunzigern rissen sich die Feuilletons um ihn, seine Romane wurden gefeiert, und 1990 erhielt er den Bremer Literaturpreis. Zwei, drei Jahre noch – und kein Weg mehr hätte an ihm vorbeigeführt. Doch dann kam alles anders.

Fries lebte die längste Zeit in der DDR, aber er war im Grunde kein DDR-Schriftsteller. Am 19. Mai 1935 in Bilbao geboren, mit einer spanischsprachigen Großmutter aufgewachsen und als Sechsjähriger in den Kriegswirren nach Leipzig gezogen, blieb der spanische Hintergrund für ihn immer bedeutsam. Fries hatte Proust und Joyce gelesen, war auf der Höhe der bürgerlichen Moderne und wirkte nicht nur in der DDR wie ein Fremdkörper, sondern auch in der bundesdeutschen Literatur. Ein homme de lettre spielte da auf der Klaviatur vieler Sprachen und Literaturen und drehte allen Vorstellungen von Parteilichkeit und Realismus eine lange Nase – gerade auch in Büchern, die dann in der DDR gedruckt wurden, „Alexanders neue Welten“ oder „Verlegung eines mittleren Reiches“.

Dass Fries’ literarischer Freiraum in der DDR nur durch die Kooperation mit der Stasi möglich schien, war in den 90er Jahren eine schmerzliche Erkenntnis. Auf einen Schlag war Fries eine persona non grata. Dabei ist seine Stasi-Geschichte vergleichsweise harmlos. Nach dem „Weg nach Oobliadooh“ (1966) wurde er zehn Jahre lang bearbeitet und observiert, bis er den „Pakt mit dem Teufel“ schloss, wie er selber es nennt. Unmittelbarer Anlass für seine IM-Unterschrift war Mitte der 60er Jahre die Möglichkeit, zum ersten Mal wieder nach Spanien reisen zu können. Seine Berichte bestehen zu einem großen Teil aus Informationen über seine Reisen, aus Nachrichten, die in den dortigen Zeitungen standen.

Das Skandalon war, dass Fries sich in den 90er Jahren äußerst trotzig zeigte. Im Gegensatz zu Heiner Müller, mit dessen Stasi-Verstrickungen seine vergleichbar sind, beherrschte er nicht das Spiel mit den Medien und hatte keinen Genuss an schlechten Komödien. Dass Fries seinen 70. Geburtstag nun völlig abseits des Literaturbetriebs feiert, ist fast tragisch zu nennen. Man sollte ihn lesen. „Der Weg nach Oobliadooh“ und „Alexanders neue Welten“ gehören zu den wenigen Texten aus der DDR, die dieses Staatswesen mühelos überdauern: Meisterwerke deutscher Sprache.

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