Kultur : Ein Traum vom Fliegen

ULRICH DEUTER

Gemma Boic wurde 1883 in Zagreb geboren, das zu k.u.k.Zeiten Agram hieß.Wie Nina in der "Möwe" wollte das Mädchen nichts als Schauspielerin sein; ihr Moskau hieß Wien.Sie wagte den Sprung und spielte in Deutschland und in der Habsburgermetropole die großen Frauenrollen, aber wie Nina flog sie zu hoch.Sie verfiel in Depressionen und nahm sich kurz nach Beginn des 1.Weltkriegs das Leben.

Auch Slobodan Snajder stammt aus Zagreb und hat wie Gemma deutsch-kroatische Eltern.Der jetzt Fünfzigjährige war Mitbegründer und Chefredakteur der Theaterzeitschrift "Prolog" und bis zum Balkankrieg einer der meistgespielten Dramatiker Jugoslawiens.Sein "Hrvatski Faust" (1982) machte ihn auch bei uns bekannt.Als die südslawische Gemeinsamkeit zerriß, verschwand Snajder von der Bühne, denn Dramen wie eben dieser "Kroatische Faust" eignen sich nicht zur Begründung eines "Nationaltheaters", wie es in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens jetzt überall entworfen wird - spielt doch das Stück im faschistischen Ustascha-Kroatien der vierziger Jahre und zeigt, parallel zu Klaus Manns "Mephisto"-Roman, die Benutzbarkeit des "reinen" Künstlers durch ein totalitäres Regime.Ein grundsätzliches Problem im Verhältnis von Kunst und Macht, wie die deutsche Erstaufführung durch Roberto Ciulli 1987 in Mülheim an der Ruhr zeigte.

Seit 1990 ist Snajder in seiner Heimat nicht, dafür umso mehr in Deutschland gespielt worden; "Die Schlangenhaut", 1995 in Tübingen herausgekommen, verstand den damals jüngsten Balkanterror - Thema Vergewaltigungslager - als Frage nach dem Verhältnis der Geschlechter überhaupt."Windsbraut", soeben in Bochum uraufgeführt, führt nun, wenn man so will, Kunst, Politik und Liebe zusammen: Für Gemma Boic, deren (reale) Lebensgeschichte Snajder hier nacherzählt, ist die Schauspielkunst alles; sie spielt die großen Rollen, doch die eine, die eigene gelingt ihr nicht.Sie kann keine Stellung zur Welt finden, die einerseits den Melancholien des Fin de siècle nachhängt, sich andererseits mit Macht auf den großen Krieg vorbereitet, metaphysisch und technizistisch zugleich ist.Gemma sehnt sich nach Liebe, aber wie Kleists Penthesilea, ihre größte Rolle, könnte sie nur den Mann lieben, gegen den sie gekämpft hat.Ein solcher aber zeigt sich nicht.Gemma weiß nicht, daß ihr Achill das Publikum ist.Die "Windsbraut" träumt vom Fliegen.Das tut auch Stiassny, ihr beständigster Verehrer, doch der ist Ingenieur und sein Traum physikalisch.An Gemma, die keusche Lulu, verschwendet Stiassny all seine Hoffnungen.Verzweifelt meldet er sich schließlich zur Front.Er findet den Tod, gerade als Gemma ihn auszulösen versucht, indem sie sich einem General anbietet.

Ein Stoff für Werner Schroeter, der wie sonst kaum ein Regisseur Frauenleben zu gestalten weiß, wenn sie denn schicksalhaft sind.Die Szenen gleiten ineinander, wechseln rasch: Gemma nach gelungener Vorstellung in der Garderobe des Wiener Volkstheaters, unnahbar und sprühend vor Witz.Gleich darauf im Sanatorium, wo ihre "depressive Melancholie" behandelt wird, aus der sie nur erwacht, wenn sie spielt.Gemma mit ihrer Freundin Wanda, einer Kokotte, die sie zur Liebe überreden, und im Café mit einem Rebellen, der sie für die kroatische Sache gewinnen will.Doch Gemma verweigert sich mit jenem gefährlichen Argument der Kunst: "Ich bin Schauspielerin."

Die Engagements wechseln, werden immer elender; das Stück läßt offen, ob Gemma zu schlecht oder zu gut für ihre Zeit ist.Ein Intermezzo führt sie nach Venedig, wo sie sich mit einem Latin lover das fällige erste Mal verschafft - kein origineller Einfall -, doch die meisten Szenen widmen sich ihr und Stiassny, der um sie wirbt und wirbt, einmal sogar Claqueure mietet, um ihr den ersehnten Applausrausch zu verschaffen.Das Ende ist ein Traumflug der Sterbenden über die Donauebene zurück in die Heimat - vielleicht auch zu Stiassny.Die Schlußszene spielt morgen, zur Jahrtausendwende, und verschränkt sich so mit dem Anfang, als das Mädchen Gemma an der Schwelle zum 20.Jahrhundert von einer Karriere als Burgschauspielerin träumt.

Snajders vergangene Stücke in ihrer Verbindung von Geschichtlichem und Mythologischem neigten zur Überfrachtung.Die "Windsbraut" ist leichter, flüssiger, und sofort weniger dramatisch; ein Kammerspiel, das eine Grundsituation nicht entwickelt, nur variiert.Schroeter hat die Inszenierung wohl zu groß angelegt, konnte auch, in der Uraufführung, zu wenig kürzen.Es gibt zahlreiche Dialoge, in denen der Plauderton nicht trägt, die Metaphorik nicht leuchtet, alles längst gesagt ist.Auch wirkt das Bühnenbild Alberte Barsacqs mit seinen hohen Wänden, in denen sich krachend immer neue Öffnungen auftun, seinen antikischen Skulpturen auf Hubpodien zu majestätisch; darin erstarren die Szenen zur Zeichenhaftigkeit.Dichtere, schnellere Sequenzen - etwa Grotesken im Sanatorium mit Irren und irrem Arzt, im Café mit Musik, tanzenden Paaren und einem konfusen Anarchisten mit zischender Bombe - sind zu selten.

Maren Eggert zeigt Gemma als eine Frau, der die eigene Stärke nicht geheuer ist, als marmorne Venus, die fürchtet, daß eine einzige Berührung sie zerfallen ließe.Das fügt sich nicht ganz zu Stiassny, der in der gefühlskargen Darstellung Wolfram Kochs nicht wie ein ewig Sehnender, eher wie ein ungeduldiger Ehemann agiert.Warum die Regie ein "Spiegelkind" hinzuerfindet, das verloren durch alle Szenen schleicht, bleibt rätselhaft.

"Die melodramatischen Ausgänge sind alle versperrt", weiß der General, der wünscht, wenn Gemma schon nicht mit ihm schläft, von ihr erschossen zu werden."Windsbraut" aber findet noch einen: Auf der Silvesterfeier zum Jahr 2000 piept ein Handy: Es ist das Burgtheater, das nach Gemma Boic verlangt.Hohl klingt es nach Vergeblichkeit.

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