Kultur : Ein Traum von andersgelben Nudelnestern

Peter Handke und Serbien: eine Nachlese

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Der Streit um Peter Handkes Haltung im Jugoslawien-Konflikt tobt seit zehn Jahren. Die Absichtserklärung der Düsseldorfer Stadtratsfraktionen, den unabhängigen Jurybeschluss, den Heine-Preis an den 1942 in Kärnten geborenen Schriftsteller zu verleihen, in der nächsten Sitzung zu kippen, ist dabei das jüngste und heftigste Kapitel. Schon in seinem Essay „Abschied des Träumers vom Neunten Land – Erinnerung an Slowenien“ (1991) deutete sich Handkes Politisierung an. Doch erst mit dem Bericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ (1996) nahm sie eine zusehends polemische Form an und fand ihren Niederschlag in europaweiten Feuilletondebatten.

Zum Serbien-Komplex seiner Texte gehören außerdem „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ (1996), „Unter Tränen fragend“ (1999) sowie seine Berichte „Rund um das Große Tribunal“ (2002) und „Die Tablas von Daimiel“ (2005) zum Den Haager Kriegverbrecherprozess gegen Slobodan Milosevic. Schließlich hat er ein Theaterstück zum Thema veröffentlicht: „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ (1999). Wir dokumentieren einige von Handkes schriftlichen und mündlichen Äußerungen, wobei deren Skandalon oft weniger in ihrer Parteilichkeit liegt, als in der windungsreichen Art, dieser Ausdruck zu verleihen. dotz

ÜBER SLOBODAN MILOSEVIC

„Die Welt, die vermeintliche Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die vermeintliche Welt kennt die Wahrheit. Eben deshalb ist die vermeintliche Welt heute nicht anwesend, und nicht nur heute und hier. Ich kenne die Wahrheit auch nicht. Aber ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich erinnere mich. Ich frage. Eben deshalb bin ich heute hier zugegen.“ (Rede bei der Beerdigung von Milosevic am 18. 3. 06, zitiert nach „Süddeutsche Zeitung“)

ÜBER DIE NATO-POLITIK

„Der Mars greift an, und seit dem 24. März sind Serbien, Montenegro, (die bosnische) Republik Srpska und Jugoslawien das Vaterland für alle, die keine Marsianer und grünen Schlächter geworden sind.“ (Brief an die Belgrader Zeitung „Politika“, 1999)

ÜBER GROSSSERBIEN

„Wie verhält sich das wirklich mit jenem Gewalttraum von ,Groß-Serbien’? Hätten die Machthaber in Serbien, falls sie den in der Tat träumten, es nicht in der Hand gehabt, in der rechten wie in der linken, ihn kinderleicht ins Werk zu setzen? Oder ist es nicht auch möglich, dass da Legendensandkörner, ein paar unter den unzähligen, wie sie in zerfallenden Reichen, nicht nur balkanischen, durcheinander stieben, in unseren ausländischen Dunkelkammern vergrößert wurden zu Anstoßsteinen?“ (Eine winterliche Reise)

ÜBER SERBISCHE MÄRKTE

„In nicht wenigen Berichten hat man sich, mehr oder weniger milde, lustig gemacht über die gar lächerlichen Dinge, mit denen das Serbenvolk, wenn es nicht der dortigen Mafia angehört, Geschäfte zu machen versucht, von den verbogensten Nägeln bis zu den dünnsten Plastiksäcken und, sagen wir, leeren Streichholzschachteln. Nur gab es da auch, so zeigte sich jetzt, viel Schönes, Erfreuliches und – warum nicht? – Liebliches zu kaufen. Schwer zu sagen für einen, der nicht raucht, ob zum Beispiel die Markttisch zu Markttisch wechselnden Haufen von dünngeschnittenem Tabak, luftig und grasig, in den selbstzudrehenden Zigaretten dann so herzhaft schmecken, wie sie ausschauen. Von den nur auf den ersten Blick einförmigen oder eintönigen jugoslawischen Broten dort auf dem Markt, den walddunklen massigen Honigtöpfen, den truthahngroßen Suppenhühnern, den andersgelben Nudelnestern oder -kronen, den oft raubtierspitzmäuligen, oft märchendicken Flussfischen weiß ich den Geschmack.“ (Eine winterliche Reise)

ÜBER SERBISCHES LEID

„Was die Serben seit fünf, mehr noch, seit acht Jahren durchmachen, das hat kein Volk in diesem Jahrhundert durchgemacht. Dafür gibt es keine Kategorien. Bei den Juden, da gibt es Kategorien.“ (auf Französisch geführtes Interview mit dem jugoslawischen Fernsehen im Februar 1999, einen Monat später in „Focus“ als „Verhaspler“ bezeichnet)

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