Kultur : Ein Traum von Deutschland

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Von Christina Tilmann

Es war eine Entscheidung in letzter Minute. Eben erst hatte das Welterbekomitee, das im Auftrag der Unesco über die Auszeichnung als Weltkulturerbe zu entscheiden hat, angekündigt, künftig Natur- und Industriedenkmäler sowie außereuropäische Staaten zu bevorzugen, die sich erstmals um Aufnahme in die Liste bemühen. Dennoch wurden mit den – gemeinsam angetretenen – Hansestädten Wismar und Stralsund sowie mit der Mittelrheinlandschaft noch einmal zwei ureuropäische Kultur- und Landschaftsdenkmäler ausgewählt. Angesichts der mit 27 Welterbestätten überproportional vertretenen deutschen Kultur und der oft getadelten „Eurozentrik“ dürften sich Heidelberg sowie das Moseltal, die auf Aufnahme hoffen, kaum noch Chancen ausrechnen.

Mit den norddeutschen Hansestätten sowie dem malerischen Mittelrheintal hat die Unesco zwei Seiten deutscher Kultur ausgezeichnet, die sich idealtypisch ergänzen: beides im Mittelalter gewachsene Landschaften, beide im 19. Jahrhundert im Zuge der Romantik wiederentdeckt. Gleichzeitig sind die Gegensätze von Ost und West, von Landschaftsensemble und Stadtstruktur vereint. Und es wurden zwei Gegenden gewählt, von denen die eine eher unter zu viel, die andere unter zu wenig Tourismus leiden.

Wismar und Stralsund, das ist - ähnlich wie das schon seit 1987 geschützte Lübeck - das Mittelalter in seiner norddeutschen, kaufmännisch geprägten Variante: Hanse, Handel und die Erschließung des Ostseeraums machen die Städte im 14. Jahrhundert reich. Selbst die Kirchen, wuchtige, himmelstürmende Bauwerke, kommen mit ihrem oft weiß getünchten Inneren eher nüchtern daher: Die Backsteingotik, mit den Kirchen von Wismar und Stralsund prototypisch vertreten, eignet sich mit ihrer seriellen Fertigung von Baustoffen kaum zu ausgeprägt figurativem Schmuck, wie sie etwa die rheinische Romanik bietet, und wirkt eher karg.

Der Mittelrhein, das ist – wie die Wachau in Österreich – die feudale Variante: Auch hier eine in Jahrhunderten geprägte Kulturlandschaft und ein Fluss, der den Handel begünstigt. Was aber dem Norden seine Backsteinkirchen, seine prachtvollen Rathäuser und Bürgerhäuser, sein Reichtum durch Handel und Gilden waren, ist im Süden geprägt vom mittelalterlichen Kaiserreich: Hier, in den mehr als vierzig Burgen am Rhein, saßen die Kurfürsten und Bischöfe, die Raubritter und Pfalzgrafen. Während im Norden eine Handelsnation neu entstand, von Kaufleuten und Seefahrern ein Land neu erschlossen wurde, träumte man im Süden Deutschlands noch von Nibelungen, von sagenhaften Schätzen, Drachen und Nixen.

Kein Wunder, dass man im 19. Jahrhundert mit Begeisterung an den Rhein fuhr. Die ersten waren die Engländer. Ihrem gothic mood, der Schlossromantik voller Gespenster und Geister, kam die Rheinlandschaft voller Burgruinen und Märchen nur entgegen. Mary Shelley, Verfasserin des Schauerromans „Frankenstein“, erfreute sich an dem „paradiesischen Fluss“, William Turner machte den Rhein zum Thema seiner von extemen Lichteffekten geprägten Bilder. Auch die deutschen Romantiker fanden am Rhein ihre Seelenlandschaft: Clemens Brentano, Friedrich Schlegel, Bettina von Arnim unternahmen romantische Kahnpartien im Mondschein, wanderten über die Höhenzüge und durch die Weinberge, sangen und dichteten. Und das preußische Königshaus erwählte das neugotische Schloss Stolzenfels zu seiner Sommerresidenz.

Erst Heinrich Heine jedoch gab mit seiner Loreley der Rheinlandschaft ihren bis heute wirkenden Urmythos: Die schöne blonde Zauberin, die singend auf einer Klippe über dem Fluss sitzt, ihr Haar kämmt und die Schiffer ins Verderben stürzt, hat Gefahr, Melancholie und Schönheit des schnellenreichen Stroms vereint und die Rheinlandschaft vor allem im Ausland zu dem Idealbild Deutschlands gemacht. Dass der Loreley-Felsen, an dessen schroffen Hängen wenig Wein wächst, quadratmeterweise an amerikanische Fans verpachtet wurde, die jedes Jahr eine Flasche Rheinwein erhalten, ist nur konsequente Folge eines Ausverkaufs, der in dieser von zwei Jahrhunderten Tourismus geprägten Landschaft schon lange nicht mehr nur noch förderlich ist. Die Busparkplätze, Abfütterungsgaststätten und jährlich rund 870 000 Übernachtungen weichen erst langsam qualitätsvollerem Tourismus.

Da hatten die norddeutschen Hansestädte vergleichsweise Glück im Unglück. Auch hier hatte sich im 19. Jahrhundert ein romantisches Zentrum gebildet: Caspar David Friedrich malte in der Gegend zwischen Rügen und Greifswald seine melancholischen Meerbilder und Kirchenruinen und fing den Geist von Religiösität und Sehnsucht ein, der mit einem romantisch verklärten Mittelalter verbunden war. Wo am Rhein schroffe, malerische Felsformationen, trutzige Burgruinen und kleine Fachwerkhäuser die weltliche Phantasie anregten, wandte sich der Romantiker im Norden direkt zu Gott, fand im Mond über den Wellen, im Anker am Strand oder in einer einzelnen Tanne vor einer Kirchenruine Zeichen von Glaube, Hoffnung und Liebe. So konkret sich die rheinische Burgenromantik an Sagen und Mythen hielt, so symbolhaft las Friedrich die Natur als Zeichen göttlicher Liebe.

Während am Rhein allerdings der Tourismus der fünfziger Jahre sein Möglichstes tat, den Geist der Romantik zu vertreiben, schliefen Wismar und Stralsund einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Fernab vom städtebaulichen Interesse der DDR blieben ihre Altstädte von Abrissen und Neuplanungen weitgehend verschont, so dass sie heute als idealtypische Beispiele mittelalterlicher Stadtstrukturen erhalten sind. Der Wismarer Hafen ist aus dem Mittelalter erhalten, ebenso die quer durch die Stadt fließende „Grube“, ein vor Jahrhunderten künstlich angelegter Kanal. Sechs monumentale Backsteinkirchen prägen die seit dem Mittelalter kaum veränderte Silhouette der Stadt. Das Stralsunder Backstein-Rathaus mit seinem reich verzierten Schaugiebel sowie das Wismarer Handelshaus „Alter Schwede“ sind vorzügliche Beispiele mittelalterlicher Profanarchitektur, die mittelalterliche Straßenstruktur ist seitdem kaum verändert.

Mehr noch als bei der Rheinlandschaft, die mit Verlagerung der ICE-Strecke vom Durchgangs-Bahnverkehr entlastet wird, besteht jedoch in Wismar und Stralsund nach der Auszeichnung Zwang zum schnellen Handeln: Von den 526 denkmalgeschützten Bauten Stralsunds ist nach Angaben von Bürgermeister Harald Lastovka seit 1990 ein Drittel saniert worden. Bis 2025 soll die Sanierung dauern und schätzungsweise eine Milliarde Euro kosten. Auch in Wismar, dessen monumentale Stadtkirche St. Georgen – zu DDR-Zeiten vom Einsturz bedroht – inzwischen gesichert und mit Dach und Fenstern versehen ist, bleibt noch viel zu tun.

Die Auszeichnung als Weltkulturerbe ist eine Ehrung – die jedoch keine finanziellen Folgen hat: Zwar zahlen alle der mittlerweile 172 Mitgliedstaaten jährlich in einen Welterbefonds ein, der zur Unterstützung gefährdeter Denkmäler verwendet wird. Die vier Millionen Dollar, die auf diese Weise jährlich aufgebracht werden, sind angesichts von 730 als Weltkulturerbe anerkannten Denkmälern kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Auch von Seiten des Bundes, der bislang in Stralsund einzig das „Marinemuseum“ fördert, ist keine schnelle Unterstützung zu erwarten.

Die Verpflichtung jedoch besteht: Mit Aufnahme in die Liste erkennt jeder Vertragsstaat an, dass es „seine eigene Aufgabe ist, für Erfassung, Schutz, Erhalt und Pflege des Kultur- und Naturerbes zu sorgen“. Gedacht war die Auszeichnung bei Gründung der Unesco 1945 vor allem als Schutz gegen Kriegszerstörungen: In Deutschland sind etwa 8000 Denkmäler mit dem blau-weißen Rautenzeichen gekennzeichnet, das im Kriegsfall eine Zerstörung verhindern soll. Wie wenig das hilft, zeigen Berichte aus Jugoslawien, wonach sich die kämpfenden Parteien gerade die gekennzeichneten Denkmäler als Angriffsziel wählten. Die Zerstörung von Dubrovnik – seit 1979 Weltkulturerbe – durch serbische Granaten ist das bitterste Beispiel. Auch gegen die Zerstörung der afghanischen Buddha-Statuen durch die Taliban hätte der Welterbestatus nicht geholfen.

Die Mehrzahl der Fälle von Gefährdung oder Zerstörung betrifft allerdings Stadtplanungsentscheidungen zu Friedenszeiten. Potsdam, mit seiner einzigartigen Schlösser- und Gärtenlandschaft seit 1990 Weltkulturerbe, drohte diesen Status 1998 zu verlieren, als es neben dem Hauptbahnhof sein monströses Potsdam-Center baute, das die Blickachsen der Gartenlandschaft verstellt hätte. Erst die abgespeckte Version war mit dem Schutz des Weltkulturerbes vereinbar und wurde von der Unesco gebilligt.

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