Kultur : Ein Traum von Deutschland

Überzeugungskraft des Emigranten: zum 80. Geburtstag des großen Historikers und Essaymeisters Fritz Stern

Hermann Rudolph

In dem erstaunlichen Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte, das von der Wirkung jüdischer Emigranten und ihrer Schüler auf das Land handelt, das sie vertrieb, ist Fritz Stern eine herausragende Gestalt. Kaum einer in diesem deutschamerikanischen Netzwerk, ohne das Nachkriegsdeutschland ärmer wäre, hat so viel beigetragen zu unserem geistigen Leben, zumal unserem Geschichtsverständnis wie er. Längst ist der Historiker zur Instanz geworden, als Vortragsredner wie als Buchautor, als Friedenspreisträger des Jahres 1999 wie als Mitglied des deutschen geistigen Olymp, des Ordens Pour le mérite: bezwingend durch seinen intellektuellen Charme, beeindruckend durch seine liebenswürdige Überzeugungskraft.

In der ihm eigenen diskreten Weise hat Stern den tieferen Grund erkennen lassen, der ihn zu dieser ungewöhnlichen Gestalt gemacht. hat. „Ich komme aus einem Deutschland, das nicht mehr existiert und nie wieder existieren wird“, sagte er in einer Rede zum 17. Juni im Bundestag Ende der achtziger Jahre. Das bezog sich auf seine Herkunft aus der deutsch-jüdischen Bildungsschicht, die zu unser aller Unglück dem „Dritten Reich“ zum Opfer gefallen ist. Aber das Wort legt auch eine Spur zur Tiefen-Dimension seiner Arbeit: dem Drama der deutschen Geschichte, von dem er sich, wie er bekannt hat, nicht lossagen konnte.

Aus den kommoden bürgerlichen Verhältnissen, in die er hineingeboren wurde – der Vater Medizin-Professor in Breslau, der Patenonkel der Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber – hat die Emigration ihn bereits mit zwölf Jahren herausgerissen. Zum Amerikaner geworden, wurde für ihn gleichwohl die Frage wegweisend, die auch die Frage der Deutschen nach der Katastrophe wurde: Wie es geschehen konnte, dass ein Volk, das einen großen Beitrag zur Zivilisation erbracht hat, so entgleiste, dass es schließlich die Schuld eines unvergleichbaren Zivilisationsbruchs auf sich lud.

Ein Leben lang hat diese Frage ihn umgetrieben – und ihn zugleich an den deutschen Entwicklungen Anteil nehmen lassen. Den Anstoß mag die Teilnahme des jungen FU-Gastprofessors an der Gedenkstunde für den 20. Juli im Hof der Bendlerstraße anno 1954 gegeben haben. „Indem ich die Gesichter der Hinterbliebenen beobachtete und mir ins Gedächtnis zurückrief, was die Märtyrer repräsentiert hatten“, so Stern, „begann sich das Bild, das ich von Deutschland und unserer Vergangenheit hatte, zu verändern. „ Ein knappes Jahrzehnt später erschien das Buch, das – unter dem Titel „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ – eine neue Sichtweise auf die Wurzeln des „Dritten Reichs“ eröffnete, und zugleich dank seiner Darstellungsgabe die Einstiegsdroge für deutsche Stern-Leser wurde.

Seither ist ein beeindruckendes Werk entstanden. Mit „Gold und Eisen“, seinem Buch über Bismarck und dessen Bankier Bleichröder, hat Stern aus einem historischen Seitenstück ein Beispiel großer Geschichtsschreibung gemacht. Vor allem schlug er, ein Meister des Essays, Denk-Schneisen in die deutsche Vergangenheit und ihre Verhängnisse, scharf analysierend, aber um Verstehen bemüht. Er hat den Finger auf die Wundstellen deutscher Geschichte gelegt, auf Illiberalität und Modernitäts-Angst. Aber er warf auch die Frage nach den Gründen für die Versuchung auf, die der Nationalsozialismus für viele war.

Immer war er dabei auch ein Ermutiger – und sei es, indem er den Deutschen die geschichtlichen Möglichkeiten vor Augen rückte, die sie verspielt haben. Dass das 20. Jahrhundert, nach einem Wort Raymond Arons, das Jahrhundert der Deutschen hätte werden können, dass Deutschland Verheißung war, bevor es zur Heimsuchung der Welt wurde, ist Sterns feste Überzeugung. Er belegte sie mit seinen Studien zu Einstein, Max Planck und Rathenau, allesamt Leuchttürme einer Epoche, der dank ihrer Kreativität und ihrer Leistungen seine besondere Zuneigung gehört. Die Suche nach einer „neuen deutschen Vergangenheit“ – so ein Vortragstitel – ist ein roter Faden seiner Arbeiten. Nicht zuletzt hat er mit dem Wort von der „zweiten Chance“ der Deutschen der Wiedervereinigung das historische Qualitätssiegel aufgedrückt.

Einem schlimmen Jahrhundert hat Fritz Stern, der am heutigen Donnerstag achtzig Jahre alt wird, sein Leben und sein Lebenswerk entgegengesetzt. Beide stehen für eine Welt, die von Humanität und Liberalität bestimmt wird, belebt von seiner ungewöhnlichen Begabung zur Freundschaft und zum Verstehen. Mag das Deutschland, aus dem er kam, auch versunken sein: Solange es ihn gibt, diesen kleinen Mann mit den blitzenden Augen, dessen knarrendes Deutsch seine amerikanisches Existenz ahnen lässt und der in seiner New Yorker Appartement noch immer in den Möbeln wohnt, die Hans Poelzig in seiner Breslauer Zeit für seinen Vater entworfen hatte – so lange gibt es dieses Deutschland noch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben