Ein Treffen mit Cecilia Bartoli : Barock auf Eis

Cecilia Bartoli forschte lange in den Archiven von St. Petersburg. Jetzt startet die Mezzosopranistin ihre neue Tournee in Berlin.

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Diva der Entdeckungen. Die Bartoli im Pelz.
Diva der Entdeckungen. Die Bartoli im Pelz.Foto: Uli Weber/Decca

Sie hat es wieder getan: Cecilia Bartoli, die berühmteste und bestbezahlte Sängerin unserer Zeit, veröffentlicht ein Album mit Musik, die niemand kennt und kennen kann. Die Römerin hat eine unbändige Lust auf Neues, was in der Klassik Vergessenes heißt, auf Werke, die sich seit Jahrhunderten nur in Archiven erhalten haben. Dort fühlt sich die Bartoli ebenso zu Hause wie auf der Bühne. Diva zu sein, heißt für die 48-Jährige vor allem eines: an den Projekten arbeiten zu können, die sie interessieren. Natürlich hätte ihre Plattenfirma gerne eine CD mit Weihnachtsliedern von ihr. „Alle wären glücklich“, lacht sie beim Gespräch – und verschiebt den Gedanken auf später, vielleicht.

In Berlin, wo sie einst ihr internationales Debüt gab, bereitet sich die Bartoli auf die Tournee zu ihrem Album vor, das komplett aus Weltersteinspielungen besteht. Lange war geheim, welche Richtung die Mezzosopranistin diesmal einschlagen würde. Zuletzt hatte sie Werke des Titularbischofs und mutmaßlichen Agenten Agostino Steffani abgestaubt. „Ein Genie! Händel war von ihm beeinflusst.“ Auf dem Albumcover posierte sie dabei in Ornat – und mit Glatze! Eine Aufmachung, die im Weihnachtsverkauf nicht gut ankam. Diesmal ist die Diva ganz in weißen Pelz gehüllt, eine romantische Eiskönigin, die so gekleidet auch Weihnachtslieder singen könnte.

An Bord eines Eisbrechers fährt die Diva nach St. Petersburg

Doch es geht nach Russland, nach St. Petersburg, wohin die drei Zarinnen Anna Iwanowna, Elisabeth und Katharina die Große italienische Musiker engagierten. Man wusste von diesen frühen Gastarbeitern, die das Musikleben Russlands prägten und sogar die ersten russisch gesungenen Opern komponierten – doch ihre Werke waren unauffindbar. Für Cecilia Bartoli war klar: Sie konnten nur in Russland liegen, in den Archiven des Mariinsky Theaters. Vor sieben Jahren machte sich der Klassikstar, der das Fliegen meidet, zum ersten Mal als Forscherin auf nach St. Petersburg – an Bord eines Eisbrechers von Lübeck aus. Was für eine Entfernung, welch mühselige Anreise mussten die Komponisten Araia (aus Neapel!), dall’Oglio, Manfredini und Cimarosa auf sich nehmen!

Angekommen, steht Cecilia Bartoli zunächst vor verschlossenen Türen. Als sie sich endlich öffnen, sind die gesuchten Partituren aus konservatorischen Gründen nicht zugänglich. Erst, als sie den Dirigenten und Putins Petersburger Musikzaren Valery Gergiev von der nationalen Bedeutung ihres Vorhabens überzeugen kann, bekommt sie Zugang zu den Archiven. Von dem, was sie findet, ist die Bartoli begeistert. Für sie stellen die Kompositionen nicht nur Exportartikel Marke solider italienischer Hochbarock dar, sie entdeckt in ihnen auch russische Einflüsse. „Komponisten, die in Italien hochvirtuoses Feuerwerk etwa für Kastraten schrieben, fanden am Petersburger Hof zu einem lyrischeren Stil, zu mehr Tiefe, auch Traurigkeit.“ Die russische Seele in der italienischen Musik, sie hat es Cecilia Bartoli angetan – ebenso wie der Deutsche Hermann Raupach, Hofkomponist der Zarin Elisabeth, von dem die Diva noch niemals gehört hatte. Ihr Material reiche noch für weitere Alben. Eine Raupach-CD für ein Millionenpublikum weltweit? Wenn jemand diesen Spagat schaffen kann, dann eine entflammte Bartoli.

Hommage an ihre einzige Lehrerin: drei Takte im Duett mit der Mutter

Bei aller Leidenschaft weiß die Mezzosopranistin, dass allein ihre Stimme den Weg in die Zukunft bestimmt, wenn auch nicht mehr ganz alleine. Seit 2012 ist Bartoli Intendantin der Salzburger Pfingstfestspiele, eine Rolle, an der sie immer mehr Gefallen zu finden scheint. „Ich liebe es, Programme zu machen und Künstler einzuladen, die ich verehre“, erklärt sie strahlend – und ist sich rundum bewusst, dass sie erste Frau auf diesem Posten ist. Nun hat sie mit all den kleinen oder größeren Eigenheiten der Künstler zu tun: Wie viele Tage Ruhepause zwischen den Auftritten? Lieber laufen zum Konzertsaal oder nicht? Wie stellt man die Klimaanlage aus? Erholung oder probieren am Premierentag? Künstler können schwierig sein, doch wir brauchen sie. „Ohne Interpreten, die Emotionen wecken können, überlebt keine Musik“, erklärt die Intendantin.

Auf der „St. Petersburg“-CD kommt es auch zu einem kurzen Duett mit Bartolis Mutter Silvana Bazzoni. Selbst Sängerin, ist sie die bis heute einzige Lehrerin ihrer berühmten Tochter geblieben und hat sie oft begleitet auf ihren Konzertreisen. „Ich wurde, was ich bin, durch die harte Arbeit mit meiner Mutter“, sagt die Bartoli. „Und eine CD mit Musik, die wir drei starken Frauen verdanken, ist der richtige Ort für eine kleine Hommage.“ Es sind nur drei Takte im finalen Chorstück, doch sie verraten viel über den Menschen Cecilia Bartoli.

Russland, 2014. Europa scheint fern und fremd, ein potenzieller Feind. „Wir lernen nichts aus der Geschichte“, beklagt die Bartoli. „Die Zarinnen wussten, warum sie ihr Land nach Westen öffneten.“ Die ersten Hofmusiker, Voltaire zu Besuch, das Venedig des Ostens. Auch daran erinnert „St. Petersburg“. Wenn Gergiev anriefe – die Bartoli käme.

Konzert, 22.10., 20 Uhr im Konzerthaus; „St. Petersburg“ erscheint bei Decca.

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