Kultur : Ein tröstend Lied für Einsame

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FERNSEHZIMMER

Kurt Scheel kümmert sich um sozial Schwache

„Komm! Ins Offene, Freund!“ Hölderlin war sicher kein großer Fernsehgucker, aber ich nehme seine Worte als Aufforderung, mich noch einmal mit dem Offenen Kanal Berlin zu beschäftigen. Ladies and Gentlemen, ich darf Ihnen meine Lieblingssendung vorstellen.

Auftritt Herr Walter. Herr Walter ist wohl ungefähr Mitte sechzig, und er verantwortet die Sendung „Besser miteinander leben“. Dazu braucht es eigentlich nur ein bisschen guten Willen und Rücksichtnahme auf den Mitmenschen. Rücksichtslosigkeit ist Herrn Walter verhasst, da kann er richtig wütend werden. Als man ihm einmal mitgeteilt hat – Herr Walter ist brieflich oder auch fernmündlich (zwischen 10 und 11, dann wieder ab dem späten Nachmittag bis 19 Uhr) zu erreichen –, dass da immer wieder Leute übermäßig Blumen gießen, und dann kommt das Wasser und die Erde den Nachbarn auf den Balkon – also da wird der Herr Walter richtig zornig, und er nimmt seine Brille mit den dicken Gläsern ab und sagt „Na sagen Sie mal!“, muss das denn wirklich sein?! Andernfalls sei die Hausverwaltung zu benachrichtigen, dann würden ebend Konsequenzen gezogen.

Weihnachtsbotschaften mit Kaffee

Aber solche Wutanfälle, in denen Herr Walter fast etwas Blockwartartiges bekommt, sind glücklicherweise selten. Meist spricht er über seine Arbeit mit den sozial Schwachen. In seiner „Weihnachtsbotschaft“ zum Beispiel: „Mir macht es eine persönliche Freude, wenn ich eine Tasse Kaffee oder ein Brötchen oder ein Stück Stolle jetzt in der Weihnachtszeit den Obdachlosen, die auf der Straße liegen, geben kann. Die freudigen Gesichter, die strahlenden Augen, das ist mein Lohn, und das reicht mir.“

Ja, so spricht Herr Walter, in seiner Küche sitzend, eingerahmt vom Tannenbäumchen auf dem Tisch, die Kerze brennt, er fummelt in den Papieren, aber spricht doch meistens frei die Sätze, die er schon tausendmal gesagt hat, und dabei blickt er forsch in seine Videokamera. Manchmal sagt er auch etwas Neues, dass also die Berliner Sozialkarte im Angebot bleibt, wie er im Fernsehen gelesen hat.

Es gibt noch eine andere gute Nachricht in der Weihnachtsbotschaft: „Die Wasserversorger haben in Berlin ein gutes Trinkwasser. Das finde ich äußerst toll, und Sie sicher auch, meine Damen und Herren.“ Andererseits: Alle reden vom Sparen, aber laut Schwarzbuch der Steuerzahler sind gerade schon wieder Milliarden verschleudert worden. Und auch das mit den politischen Affären „ist nicht so schön“. Sarkastisch: „Nun frage ich: Sind das nicht tolle Volksvertreter, die wir haben?“

Jetzt muss er Kaffee nachgießen, und Milch, und Zucker – da fällt ihm Augstein ein: „Ich finde, er war ein guter Mann.“ Aber nach diesem Ausflug ins PolitischAktuelle wird es nun wieder besinnlich, er trägt uns seine Weihnachtserzählung vor: „Das Glück des Weisen, erzählt von Herrn Walter“. Da geht es darum, dass das Glück in der Mäßigung und in uns liegt: „Diese Erzählung von mir habe ich im allgemeinen zusammengefasst, auch aus der Literatur habe ich dies zusammengearbeitet für Sie, meine Damen und Herren, in der Advents- und Weihnachtszeit.“ Der Höhepunkt jedoch kommt noch, Herr Walter singt „für den einsamen Menschen, wo immer er auch ist“, ein Lied: „Alle Jahre wieder“. Dann wünscht er uns mehrfach alles Gute, sich selber nur, „dass ich immer schön gesund bleibe, dass ich weiterhin soviel Gutes tun kann für meine Mitmenschen“.

Wer nun aber glaubt, ich wolle mich über Herrn Walter lustig machen, der irrt. Natürlich ist seine Sendung bizarr, sein redundantes Gerede über „sozial Schwache etcetera“, sein ostentatives Kaffeetrinken und Keksessen – manchmal raucht er auch demonstrativ Zigarre –, aber erstaunlicherweise wirkt Herr Walter in seiner moralischen Eitelkeit, durch sein Helfersyndrom nicht abstoßend, sondern rührend. Er ist sicher ein bisschen neben der Kapp, aber doch irgendwie auch eine ehrliche Haut. Und er schadet ja auch niemandem. Einem nützt er zweifellos: sich; und wenn dabei ein paar Almosen für andere abfallen, ist doch nett.

Unverfroren, doch authentisch

Und dann sagt Herr Walter: „Haben Sie schon einmal einem Aidskranken die Hand gehalten und ihm Trost gespendet? Ich habe es schon getan“, doch ob solcher Unverfrorenheit muss er selber husten, und wir verzichten darauf, ihm wirklich böse zu sein. Denn Herr Walter ist etwas, was wir sonst nie im Fernsehen sehen können: Er ist authentisch, er verstellt sich nicht, er ist in seiner Kuriosität ganz er selbst – und das ergreift uns.

Herr Walter ist kein angenehmer Mensch, man möchte nichts mit ihm zu tun haben im wirklichen Leben. Aber seine Aufrichtigkeit, seine unschuldige Schamlosigkeit hat etwas Großartiges. Ansehen darf sich seine Sendung jedoch nur derjenige, der kein gemeines Vergnügen in einer Freakshow sucht, sondern der sich anrühren lassen will und es für möglich hält, dass den geistlich Armen das Himmelreich sein könnte.

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