Kultur : Ein türkischer Dokumentarfilm über Verschleppung, Folter und Mord

Daniela Sannwald

Der Mann sitzt mit verbundenen Augen zusammengesunken auf einem Holzstuhl. Allein. Zunächst sind gedämpfte Geräusche sind zu hören: ein dumpfer Aufprall, eine oder zwei bellende Stimmen. Und dann: ein langer, furchtbarer Schrei. Der Mann sitzt bewegungslos, bis er von zwei anderen weggeschleppt wird. Wir starren auf den leeren Stuhl. Und hören: dumpfe Aufprallgeräusche, bellende Stimmen, furchtbare Schreie. Und ein von einem Mädchenchor gesungenes nationalistisches Lied, das aus einem Radio zu kommen scheint.

Sparsam inszeniert ist diese eindringlichste Szene aus "Boran", und kaum auszuhalten. Für Momente ist es, als ob wir selbst hilflos warten, gefoltert zu werden. "Boran" ist ein Dokumentarfilm, der seine Realität - wie hier - nachinszeniert. Immer dann, wenn Hüseyin Karabey sie nicht filmen konnte. "Boran" befasst sich mit den Schicksalen dreier verschwundener Männer, die in staatlichem Auftrag verschleppt und vermutlich gefoltert und ermordet wurden. Karabey stellt die Angehörigen dieser Verschwundenen in den Vordergrund, ihr seit dem Verschwinden ihrer Söhne, Brüder und Ehemänner zerstörtes Leben.

Karabey zeigt immer wieder die Totale eines Wohnzimmers, in dem ein Telefon klingelt. Das ältere Paar, das bedrückt und schweigend einander auf zwei Sesseln gegenüber sitzt, ignoriert den Lärm. Nachdem das Läuten aufgehört hat, erhebt sich mühsam die Frau, geht in die Küche, füllt Vogelfutter in einen Beutel. Dann sieht man sie, wie sie umringt von Tauben, auf einem der Plätze Istanbuls sitzt und mit ihnen spricht. Als städtische Angestellte mit großen Käfigen die Tauben einzufangen beginnen, schreit sie und reißt die Käfigtüren auf.

Dazwischen zeigt Karabey die unter Aufsicht eines Staatsanwalts und des Militärs stattfindende Suche nach der Leiche eines anderen Mannes - auf einer Müllhalde. Und die "Samstagsmütter", die nach dem Vorbild der argentinischen "madres de la plaza de mayo" allwöchentlich mit Fotos ihrer Söhne demonstrieren. "Boran" bezieht sich auf Ereignisse in der Türkei, aber das ist für Hüseyin Karabey nicht die Hauptsache, da die gleichen Praktiken in vielen Ländern der Welt üblich seien: in Lateinamerika vor allem, aber auch in Asien und Afrika. Staatspräsident Demirel habe nicht bestritten, dass in der Türkei gefoltert werde, sagt er, und selbst die Sicherheitskräfte gäben dies zu.

Auf dem Festival von Antalya wurde "Boran" von einer internationalen Jury ausgezeichnet; das schützt den Regisseur vor Sanktionen. Und weil die Samstagsdemonstrationen seit Mai 1998 verboten sind, legte Karabey die Premiere seines Films auf einen Samstag. Die Samstagsmütter kamen - und brachten die Fotos ihrer verschwundenen Söhne mit.In Berlin nur im Kino Eiszeit

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