Kultur : Ein Übergang für die Ewigkeit

Nikolaus Bernau

Die neuen Räume im Südflügel des Pergamonmuseums können nach achtjähriger Planungsphase wieder besucht werdenNikolaus Bernau

Schroff stehen sie nebeneinander im Südflügel des Pergamonmuseum: die alte, noch von der Teilung der Bestände zwischen Ost und West geprägte DDR-Inszenierung des "Islamischen Museums" und die neue Ausstellung des wiedervereinten und umbenannten "Museums für Islamische Kunst". Auf der einen Seite des Lichthofes für die babylonische Prozessionsstraße sind leicht angestaubt wirkende, etwas schummrige Oberlichträume mit steifen Holzvitrinen, Linoleum und elfenbeinfarbenen Wänden zu sehen. Auf der anderen in abgestuften Grautönen frisch gestrichene Säle mit hellgrauem, elastischem Kunststoffboden und durch zarte Vorhänge gedämpftem, trotzdem kräftigen Seitenlicht. Vor den Wänden stehen regelrechte Vitrinenskulpturen mit scharfen Sichtausschnitten in den dunkler grau gestrichenen Oberflächen. Weiße, gläserne Standgehäuse bergen frei im Raum komponierte Objekte.

Nach immerhin achtjähriger Planung sind die ersten sieben Räume des "ISL" nun eröffnet worden, die restlichen neun Räume sollen bis zum Jahresende folgen. Man fragt sich, warum die Planung so lange dauerte. Denn auf den ersten Blick drehte es sich doch 1992 vor allem darum, die in den Westen und nach Dahlem gelangten Kleinkunstbestände mit den im Osten verbliebenen monumentalen Architekturfragmenten zu vereinen. Ein Grund war sicherlich der Geldmangel. Über Jahre stand der Bau der Neuen Gemäldegalerie und die Sicherung des Neuen Museums im Vordergrund. Doch auch die bis heute geltende Großplanung für das Pergamonmuseum, die den Umzug der islamischen Kunst in den Nordflügel vorsieht, dürfte Energien beansprucht und Provisorien fürs Publikum verhindert haben. Nicht zuletzt musste die nach dem Krieg nur notdürftig geflickte technische Infrastruktur auf den neuesten Stand kommen, mussten neue Fußböden verlegt und Lichtanlagen installiert werden.

Und man hat man die Zeit genutzt. So wurde die kostbare hölzerne Kuppel aus der Alhambra aufwendig restauriert, vor allem aber die Auswahl der Meisterwerke, die hier ausschließlich gezeigt werden, immer weiter auf das Erlesenste kondensiert. Das Ergebnis überzeugt insgesamt beim ersten Rundgang. Der Einschnitt in das in Dahlem und auf der Museumsinsel einst gebotene, üppige Bild der orientalischen Kunst zwischen Antike und früher Moderne ist allerdings radikal. Ein wirkliches Urteil kann man sich aber erst bilden, wenn alle Räume eröffnet sein werden.

In den alten DDR-Sälen herrschen deutlich islamische Baukunst und Fliesenkeramik vor, die 1945 nicht aus der Stadt verlagert worden waren und entsprechend auf der Museumsinsel verblieben oder 1958 aus der UdSSR dorthin zurückkehrten. Sie sind seit jeher eine Stärke der Berliner Sammlung, die nicht zuletzt durch gemeinsame Ausgrabungen mit der Antikenabteilung und der Vorderasiatischen Abteilung erworben wurde. Auch die neuen Säle zeigen also tief geschnittene Stuckplatten des 9. Jahrhunderts aus Samarra, Kapitelle und Baufragmente, vor allem aber das einzigartige Set von Gebetsnischen, etwa die glitzernden Fliesenwände aus dem iranischen Kaschan und dem türkischen Konya. Sie geben in den Moscheen die Gebetsrichtung nach Mekka an. Neben ihnen stehen dank der in den Westen gelangten und dort durch glückliche Ankäufe breit vertretenen Kleinkunst Elfenbeine, goldener Schmuck, Glasvasen von zierlichster Zerbrechlichkeit, Holzarbeiten mit reichem Schnitzwerk und rot glühende Teppiche. In einem eigenen, taubenblaugrau gestrichenen Kabinett hängt dramatisch ausgeleuchtet die Alhambra-Kuppel, neben ihr sind ein Alabasterkapitell, Fliesen, Fayencen und Keramik des islamischen Spanien zu sehen. Hier wird wenigstens ein Schimmer dessen deutlich, was vor dem Krieg als beste Sammlung islamischer Kunst außerhalb des Orients berühmt war. Und ganz nebenbei wird so manches Vorurteil konterkariert. Gleich neben dem Eingang zeigen Steinfragmente das Weiterleben der römischen Antike auch im Islam, und ein Fresko belegt, dass das Bilderverbot keineswegs streng eingehalten wurde.

Manchmal allerdings ist die Radikalität der Auswahl nicht verständlich. Einige Räume wie der zweite Saal wirken geradezu leer, und manche Vitrine verträgt durchaus noch etwas Fülle. Auch in dieser Abteilung folgen die Staatlichen Museen dem Pariser Modell des Louvre, wenige und erlesene, von den Direktoren bestimmte Kunstwerke vor allem für den Ästethen und den schnellen Touristen anzubieten. Das Londoner Gegenmodell der Wahl des Publikums aus der möglichsten Fülle des Angebotes hat hier wenig Freunde. Auch dies Museum wendet sich vor allem an den Touristen, weniger an jene Besucher aus der Stadt, die öfter mal kommen und immer neue Sachen sehen wollen. Der Rundgang ist chronologisch aufgebaut, orientiert sich im wesentlichen an den islamischen Dynastien im Vorderen Orient, Nordafrika und Spanien. Die Beschriftung der Objekte wie auch die knappen, informativen Saaltexte sind zwar hochelegant, aber fast nicht zu lesen; ein in Berlin schon häufig kritisiertes Manko. Ob es die beliebten Führungsblätter weiter geben wird, ist noch nicht entschieden, allerdings soll im Sommer ein Bilderheft herauskommen.

Die neuen Säle sind ausdrücklich als "Interimslösung" bezeichnet, sollen nur für die nächsten sieben bis zehn Jahre halten. 2005 wird nach den derzeitigen Plänen - und wenn die Gelder reichen - die Generalsanierung des Pergamonmuseums beginnen, die bei vollem Publikumsverkehr stattfinden soll. Zuerst wird wohl der Nordflügel bearbeitet, dann die anderen Teile. In diesen Nordflügel sollen die islamischen Objekte umziehen, auch die fragile Mschatta-Fassade, ihr zentrales Hauptobjekt. 1945 von einer Bombe schwer beschädigt, muss das prachtvolle Dekor eines omayadischen Wüstenschlosses mittelfristig in jedem Fall restauriert werden. Die einen Restauratoren meinen, dies sollte man nur am jetzigen Ort machen, die anderen, eine Verlagerung des Monumentalobjektes würde nicht weiteren Schaden anrichten. Bis zum Herbst werden weitere Gutachten erwartet. Eine ablehnende Haltung zum Umzug erwartet der Direktor des Museums, Volkmar Enderlein, allerdings nicht. In einer Woche wird jedoch erst einmal die Sanierung der letzten alten Räume beginnen.

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