Kultur : Ein verseuchtes Land schöpft Hoffnung

ULRICH CLEWING

Auf vietnamesisch heißt Perestroika "Doi Mois".Seit das Regime 1986 die "Zeit der Erneuerung" ausgerufen hat, befindet sich das südostasiatische Land nach über 30 Jahren Krieg und Gewaltherrschaft in einem andauernden Prozeß der politisch-gesellschaftlichen Öffnung, der in einigen Bereichen eher schleppend, in manchen anderen hingegen recht rasant vonstatten geht.Zwar müsse man immer noch jederzeit mit willkürlich erscheinenden staatlichen Anordnungen rechnen.Andererseits, erzählt Michael Thoss vom Haus der Kulturen der Welt, tue sich gerade im kulturellen Bereich einiges.So gebe es beispielsweise im Zentrum von Hanoi mittlerweile drei Buchhandlungen, in denen westliche Publikationen verkauft werden, was vor wenigen Jahren noch undenkbar war.

Seit 1997 dürfen Künstler aus Vietnam ungehindert zu Ausstellungen ins Ausland reisen, sofern sie eine Einladung vorweisen können - bis dahin mußten sie ihre Werke einer Kommission vorlegen, die über die "Exportfähigkeit" zu entscheiden hatte - ein mühseliges Verfahren, das naturgemäß mehr blockierte als möglich machte.Und Veränderungen lassen sich auch an vermeintlichen Nebensächlichkeiten beobachten: Im vorigen Jahr wurde die Kunsthochschule in Hanoi wieder in "École des Beaux-Arts" umbenannt, als die sie 1923 durch den Maler Victor Tardieu in der damaligen französischen Kolonie Indochina gegründet worden war.

Mit der Hochschule haben die 16 Künstler, deren Bilder, Skulpturen und raumgreifenden Installationen ab heute in der von Michael Thoss und Sabine Vogel kuratierten Ausstellung Gap Viet Nam ("Begegnung Vietnam") im Haus der Kulturen der Welt zu sehen sind, freilich wenig am Hut.Ihre Arbeitsweise ist durchweg dezidiert anti-akademisch, man könnte auch sagen: westlich orientiert, nur daß die Abkehr vom Akademismus dort längst nicht wie hierzulande zum allgemein akzeptierten Kanon gehört, sondern Ausdruck einer echten Oppositionsbewegung ist.Die Künstlerinnen und Künstler sind zum überwiegenden Teil zwischen 1960 und 1970 geboren, nur Vu Dan Tan, der Doyen der vietnamesischen alternativen Kunstszene, zählt mit seinen 53 Jahren zu einer anderen Generation.Der gelernte Graphiker, der sein Geld bis 1982 als Trickfilmzeichner für Fernsehstudios in Hanoi und Havanna verdiente, hat im Haus der Kulturen der Welt ein Ensemble aus drei alten, fröhlich bemalten Klavieren aufgebaut, das er überdies mit unzähligen, kunstvoll geschnittenen und gefalteten Zigarettenpäckchen, Papierschachteln und Pappkartons in Engelsform garniert.

Die Zeichen der neuen Zeit spiegelt der Beitrag des 1968 in der Diaspora in Tokio geborenen Nguyen-Hatsushiba Jun.Hunderte Visitenkarten, auf englisch und sicher auch auf neu-vietnamesisch: "Business Cards", kleben an den Schmalseiten der Treppe, die die Besucher auf dem Weg in den Ausstellungsraum hinuntersteigen.Einzeln betrachtet mögen sie banal und alles andere als ungewöhnlich wirken, in der Masse aber werden sie zum Abbild von Wünschen und Träumen, zu einem beredten Memorial einer Entfesselung - der Boom erfindet seinen eigenen Code.

Hinweise auf die gewalttätige Vergangenheit des Landes sind dagegen eher selten, und wenn, dann blitzen sie nur kurz auf wie Irrlichter in der Nacht.Es dauert eine Weile, bis man zu verstehen beginnt, was es etwa mit den Menschen auf sich hat, die der im Alter von einem Jahr von einem französischen Ehepaar adoptierte Rémy Gastambide (Jahrgang 1969) fotografierte.Die Bilder sähen aus wie Knastfotos, meinte ein Kritikerkollege während der Vorbesichtigung.Tatsächlich: Sie zeigen die inzwischen erwachsenen Kinder amerikanischer Soldatenväter, die als verachtete Paria am Rand der heutigen vietnamesischen Gesellschaft leben.Ihre Strafe lautet lebenslänglich, und ihr Gefängnis ist das ganze Land.Beklemmend und unendlich traurig, diese Form der Dokumentarfotografie, die auf den ersten Blick so lapidar daherkommt.

Ähnlich ergeht es einem angesichts der Rauminstallation des 1963 in Hanoi geborenen Tran Trong Vu.Oberflächlich gesehen ist es ein leichtes, ätherisch anmutendes Arrangement: Breite Bahnen transparenter Folie hängen von der Decke und verleihen dem Ort eine quasi-architektonische Struktur.Irgendwo steht ein Bett, dann fallen drei Kloschüsseln auf, die unvermittelt im Raum plaziert sind.An den Wänden gemalte Schilder mit Aufschriften wie "non potable" oder "toxic".So wächst einmal mehr die Ahnung, was es bedeuten mag, in einem von Gift und Minen verseuchten Land zu leben.Doch hat diese sehenswerte Ausstellung am Ende auch etwas Hoffnungsvolles: Ein Land, das junge Künstler wie diese hervorbringt, hat es nicht mehr weit zur Normalität.

Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Eröffnung heute 16 Uhr, John-Foster-Dulles-Allee 10, bis 9.Mai, Dienstag bis Sonntag 11-19 Uhr.Katalogheft 18 Mark.

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