Kultur : Ein Versprechen, das sich nur zum Teil erfüllt

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Von Ulrich Clewing

Wenn Bilder sprechen könnten, dann würde man in den Kunstsammlungen Chemnitz wahrscheinlich einen ganzen Chor von Stimmen hören: laute, leise, raunende, klagende, zurückhaltende, zärtliche Tenöre und kräftige, sonore Bässe. Sie würden uns von ihrem Privatleben erzählen, von Ängsten, Sehnsüchten, Hoffnungen, auch von der großen Politik, von Utopien, Gesellschaftsformen, Vergangenheit und Gegenwart, vom Versuchen, Gelingen und natürlich vom Scheitern. Denn aus seiner Meinung hat Wolfgang Mattheuer, der Maler dieser polyphonen Versammlung, nie ein Hehl gemacht – selbst wenn es etliche gibt, die das nicht wahrhaben wollen. Darum ist die Ausstellung, die jetzt in der früheren Karl-Marx-Stadt zu sehen ist, mehr als nur eine Retrospektive zum 75. Geburtstag: Es ist die Gelegenheit, sich ein für alle Mal von liebgewonnenen Klischees zu verabschieden.

Sicher, es stimmt: Mattheuer, 1927 in Reichenbach im Vogtland geboren, von 1953 bis 1974 Lehrer an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, war einer der herausragenden, vielfach mit Preisen und Auszeichnungen geehrten Vertreter der Kunst der DDR. Der Generalverdacht der Kollaboration mit dem totalitären Regime, der kurz nach der Wende insbesondere von Künstlerkollegen aus dem Westen erhoben wurde und sich bis heute hartnäckig hält, ist angesichts seines Lebenswerks freilich unbegründet. Die 130 Gemälde, Zeichnungen und Plastiken aus den Jahren 1960 bis 2002 beweisen: Mattheuer kannte (und kennt immer noch) keine Vorgaben, keine Doktrin, sondern immer nur sich selbst und seine Vorbilder. Und das sind nicht die schlechtesten – Dali, Magritte, Picasso, Leger, Beckmann. An ihnen hat er sich orientiert, nicht an den Kunstkommissaren einer verengten, verkommenen, inzestuösen Herrschaftsschicht.

Doch vielleicht verübelt ihm manch einer auch anderes: dass er nach dem Fall der Mauer weitermachte wie zuvor, dass er seinen Stil nicht änderte, dass er nicht anfing zu experimentieren, obwohl ihm doch nun alle Freiheiten offen standen. Diese Kontinuität lässt sich in Chemnitz dank des intelligenten Ausstellungsaufbaus wunderbar nachvollziehen. Anders als im sehr lesenswerten Katalog ist die Schau nicht chronologisch angeordnet. Die Bilder sind thematisch gehängt, so dass man Mattheuers Leitmotive, Symbole und Metaphern erkennt. Da ist zum Beispiel der „Ikarus“. Immer wieder taucht er auf als Sinnbild menschlicher Hybris und des anschließenden unausweichlichen tiefen Falls. Da ist der „Jahrhundertschritt“, eine von Mattheuers sehr eigenständigen Bilderfindungen, in denen der Künstler den blindwütigen Terror des 20. Jahrhunderts und seiner Diktaturen bündelt. Da ist aber auch die Figur der „Liberté“, aus Eugène Delacroix’ berühmtem Gemälde entlehnt. In „Hinter den 7 Bergen“ von 1973 schwebt sie, bunte Luftballons in der Hand, über Stadt und Land und Autobahn. Im 20 Jahre danach entstandenen Gemälde „Hinter den 7 x 7 Bergen“ lockt sie immer noch mit Luftballons, und sie hat Schwestern bekommen, und die Städte und die Landschaften und die Autobahnen sind auch voller geworden, doch sind es Chimären. Die Freiheit: ein Versprechen, das sich stets lediglich in Teilen erfüllt, egal auf welcher Seite man gerade steht.

Was an den Bildern erstaunt, ist die offene Kritik an den Verhältnissen. Mattheuer ist zweifellos ein Meister der zu DDR-Zeiten gepflegten Kunst der Anspielungen und versteckten Botschaften. Dennoch kann der Betrachter in seinen Gemälden lesen wie in einem klar formulierten Text. So entspricht seine ausgemergelte „Ausgezeichnete“ (ein Porträt seiner Mutter von 1973/74) ganz und gar nicht dem Ideal einer Heldin der Arbeiterklasse – eine Eigenschaft, die sie mit dem „Alten Genossen am Zaun“ von 1971 gemein hat, der skeptisch und mürrisch direkt aus dem Bild schaut. Ebenso unverstellt behandelte der Maler das Trauma des niedergeschlagenen Prager Frühlings oder des Aufstandes in Ungarn 1956: Ein „ Baum wird gestutzt“ (1971), bis nur noch ein fahles Skelett übrig ist, ein „Koloss“ legt sich feist grinsend über eine rote Stadt, deren Topographie an Budapest erinnert. „Was nun?“ heißt ein weiteres Werk: Man sieht eine Insel, die in ihrer albtraumhaften Verformung von Dali stammen könnte, darauf vereinzelt Menschen, ratlos, resigniert, und darüber – wieder einmal – die leeren Flügel des Ikarus.

Daneben gibt es in dieser Ausstellung aber auch intime Szenen von erheblicher poetischer Kraft, etwa das im Gefühlstaumel ineinander verschlungene „Schwebende Liebespaar“ oder das fröhliche „Sonnenfenster“ von 1965, ein Blick aus Mattheuers Atelier. Erst diese Bilder sind es, die das Schaffen Wolfgang Mattheuers im Ganzen verständlich machen – als eine lebenslange, nicht immer bequeme und doch trostbietende Beschäftigung mit der condition humaine.

Kunstsammlungen Chemnitz, bis 22. 9.,Di bis So 12-19 Uhr. Katalog (E.A.Seemann) 17 €

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