Kultur : Ein Virtuose - auch der Menschlichkeit

RAOUL FISCHER

Der Ton verzaubert.Die Schallplatte ist alt und kratzt, aber die Geige, die Felix Mendelsohns Violinkonzert interpretiert, zieht in Bann, führt in Höhen und Tiefen, wehmütig und überschäumend fröhlich, extrovertiert-ruppig und innig-romantisch.Yehudi Menuhin singt und tanzt, er lacht und weint auf seinem Instrument.

Der weltberühmte Geiger und Dirigent ist tot.Mit 82 Jahren starb Menuhin gestern in einem Berliner Krankenhaus an akutem Herzversagen, am 22.April hätte er seinen 83.Geburtstag gefeiert.Menuhin befand sich gerade inmitten einer Tournee, die am 1.März in Frankfurt begonnen hat und am kommenden Dienstag in Freiburg enden sollte.Aber schon das Konzert am letzten Dienstag in der Berliner Philharmonie mit der Sinfonia Varsovia mußte abgesagt werden."Wegen einer Bronchitis", hieß von seiner Konzertagentur.Der plötzliche Tod hat jetzt alle überrascht.

Menuhin wurde 1916 als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in New York geboren.Mit fünf Jahren erhielt er den ersten Geigenunterricht, bald danach wurde der renommierte Solist Louis Persinger sein Lehrer.Nach nur vier Jahren Unterricht begeistert er bei seinem Debüt an der Manhattan Opera die Fachwelt.1929 brilliert der knapp Dreizehnjährige erstmals in Berlin mit den Berliner Philharmonikern unter Bruno Walter.Bei den drei "B", den Violinkonzerten von Bach (E-Dur), Beethoven und Brahms, führt er das große Orchester vom ersten Takt an und reißt den damaligen Rezensenten für das "Berliner Tageblatt", Karl Westermeyer, zu Hymnen hin: "Ein großer Geiger ist er schon heute." Menuhin gilt als Wunderkind, bald reißt sich die ganze Welt um ihn."Nun weiß ich, daß es einen Gott im Himmel gibt", soll Albert Einstein, selbst Liebhaber des Violin-Instrumentes, damals verzückt ausgerufen haben.Bei einer Tournee, die den jungen Menuhin 1935 um die ganze Welt führt, tritt er in 63 Städten 110 mal auf.

Der Musiker ist auch ein politisch bewußter Mensch.Schon während des Krieges gibt er mehr als 500 Konzerte zugunsten der Alliierten und des Roten Kreuzes.1947 wird er involviert in ein denkwürdiges Ereignis, bei dem auch ein anderer großer Musiker dieses Jahrhunderts beteiligt ist: Wilhelm Furtwängler.Der Dirigent, der unter den Nationalsozialisten die Leitung der Berliner Philharmoniker beibehalten hatte, durfte in Deutschland noch nicht tätig sein.Menuhin spielte mit ihm in Luzern Beethovens Violinkonzert für eine Schallplatte.Nicht nur eine künstlerische Spitzenleistung, vielmehr eine politisch-moralische Demonstration.War es doch der jüdische Violinvirtuose, der sich für Frieden und Versöhnung einsetzte und als erster Künstler von solchem Karat 1945 nach Deutschland zurückkehrte, um in befreiten Konzentrationslagern und Flüchtlingscamps, aber bald auch in Konzerthallen zu spielen - und so ein Hoffnungszeichen zu setzen.

Später, im sogenannten Kalten Krieg setzt sich Menuhin für die Annäherung sowjetischer und westlicher Künstler ein, vor allem während seiner Präsidentschaft des Internationalen Musikrates der UNESCO (1969-75).Er trägt auch wesentlich dazu bei, daß Mstislav Rostropowitsch die Sowjetunion und Miguel Angel Estrella Uruguay verlassen können.

Der Geiger ist vielseitig.Auch musikalisch bleibt er nicht auf das Metier des Violinvirtuosen beschränkt.Menuhin gründet zahlreiche Festivals, darunter das von Gstaad in der Schweiz.1958 beginnt er eine zweite Karriere als Dirigent: Leiter des Festival-Orchesters in Bath, aus dem später das Menuhin-Orchester hervorgeht.1981 wird er in London Präsident des Royal Philharmonic Orchestra - ein weiterer Höhepunkt dieser zweiten Karriere.Auch der künstlerische Nachwuchs lag Menuhin am Herzen.Er gründete eine eigene Schule, die künftige Musiker ausbildet.Und er rief "Live Music Now" ins Leben, eine Organisation, die angehenden Berufsmusikern Auftrittsmöglichkeiten verschafft - vor Kranken, Behinderten oder gesellschaftlich Benachteiligten.

Yehudi Menuhin, der Kosmopolit und Aufklärer, ein Friedensfreund.Dafür wurde er von Königin Elizabeth in den Adelsstand erhoben: Lord Menuhin.Nicht die einzige Ehrung in seinem Leben.Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen konnte er 1989 im Rahmen der "Woche der Brüderlichkeit" die von der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit verliehene "Buber-Rosenzweig-Medaille" entgegennehmen.1992 wurde er UNESCO-"Botschafter des guten Willens", und im vergangenen Jahr erhielt er in Berlin die Otto-Hahn-Friedensmedaille, die vor ihm auch Michail Gorbatschow und Simon Wisenthal erhalten hatten.Bei dieser Gelegenheit kündigte er an, sich verstärkt in den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas engagieren zu wollen.Die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth würdigte den Geiger und Dirigenten als Mann, der auf seinem gesamten Lebensweg "stets den Geist der Humanität, der Solidarität und des Friedens zu befördern gewußt" habe.

Menuhin war nie ein selbstverliebter Virtuose.Seine Interessen gingen weit über die Musik hinaus.Obschon selber im Rampenlicht, hat er diejenigen nicht vergessen, die im Dunkeln sind.Seine Kritiker freilich haben ihm vorgeworfen, nicht wirklich "genial" gewesen zu sein.Man sagte ihm gewisse technische Mängel nach, und seine Konzerte waren bisweilen von schwankender Qualität.Zur Sternstunde aber gehört als Pendant die Krise - und zur Interpretation von Musik die Erfahrung einer Persönlichkeit, die sich nie herausgehalten hat aus den Niederungen des Weltgeschehens, sich seiner Sendung bewußt.

Das zeigte sich auch in einem Tagesspiegel-Interview aus dem Jahr 1992, in dem er zwar empfahl, Neonazis notfalls "mit der Peitsche auf den Hintern" zu hauen, andererseits aber großes Verständnis für die Deutschen und ihre spezifischen Eigenarten und Probleme bewies.In seinem vielleicht letzten öffentlichen Beitrag war noch vorgestern in dieser Zeitung zu lesen: "Das haßerfüllte Verhalten von Menschen entsteht, wo der verdrängte kreative Drang mit Mord und Gewalt einhergeht." Ein Verdrängung, die oft schon bei Kindern beginne.Menuhin: "Ich plädiere für Gerechtigkeit.Gerechtigkeit ist die Freiheit und Würde des Nächsten."

"Er hat die Hand zur Versöhnung gereicht"

Daniel Barenboim, Künstlerischer Leiter der Berliner Staatsoper: "Yehudi Menuhin war mehr als ein großer Geiger und ein großer Musiker.Er vermochte die Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Völkern zu erspüren, bevor die Welt sie wahrgenommen hat.Er war der erste Jude, der gleich nach dem Holocaust nach Deutschland kam.Er hat in Konzentrationslagern gespielt und mit den Berliner Philharmonikern, 1947 unter Furtwängler.Menuhin hat an die Kraft der Musik geglaubt, die Menschen zusammenzubringen.Er war ein Mensch, der, wie wenige, nur Positives ausgestrahlt hat.Ich habe mit ihm mehrmals musiziert.Ich habe meine erste Frau bei seiner Tochter zu Hause kennengelernt.Wir waren nicht eng befreundet, aber doch verbunden."

Götz Friedrich, Generalintendant der Deutschen Oper Berlin: "Die Musikwelt trauert um einen ihrer größten Verzauberer und Missionare.Berlin hat ihm viel zu verdanken."

Elmar Weingarten, Intendant des Berliner Philharmonischen Orchesters: "Menuhin war der erste große jüdische Künstler, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Hand zu einer Versöhnungsgeste ausgestreckt hat."

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