Kultur : Ein Volk, ein Tanz

SUSANNA NIEDER

Tango! Liebe, Leidenschaft! Bandoneon, lange Nächte, rote Beleuchtung und so weiter! Daß der Tango für viele Nordeuropäer vor allem eine Spielwiese ist, auf der sie endlich auch einmal verführerisch und erotisch sein dürfen, hat die Engländerin Sally Potter in der Erfüllung ihres privaten Mädchentraums "The Tango Lesson" durchexerziert, unbeleckt von Selbstironie und innerer Distanz.Aber Carlos Saura ist kein Nordeuropäer und vor allem kein passionierter Dilettant.Was der Spanier, der vor drei Jahren "Flamenco" und in den Achtzigern die Tanzfilm-Trilogie "Bluthochzeit" (1981), "Carmen" (1983) und "Liebeszauber" (1986) drehte, in seinem neuen Film mit dem schlichten Titel "Tango" vorführt, ist nichts weniger als die gesamte Bandbreite einer musikalischen, tänzerischen, politischen Lebensäußerung.

Saura zeigt ein Land, in dem der Tango untrennbar mit dem Leben verwoben ist.Es tanzen Profis und Liebhaber, Alte und Junge und Kinder in weißen Schulkitteln, alle mit der gleichen selbstvergessenen Selbstverständlichkeit.Der Tango ist von allen Paartänzen bei weitem der komplexeste, in ihm läßt sich mehr ausdrücken als Erotik oder Lebensfreude.Nicht zufällig sind es im Tango die Älteren mit der größeren Lebenserfahrung, die auf der Tanzfläche die Hauptrolle spielen.Die Musik und damit zwangsläufig auch der Tanz waren im Argentinien der Militärdiktatur verboten, weil sie den Vorstellungen eines totalitären Regimes von einer gesäuberten, gleichgeschalteten Gesellschaft notwendigerweise zuwiderlaufen.

Saura lotet die Möglichkeiten sorgfältig aus.Seine Hauptperson ist der Regisseur Mario, der die Geschichte des Tango als Musical inszeniert, gespielt von Miguel Angel Solá, einem der prominentesten Schauspieler Argentiniens."Alles wiederholt sich" - diese Feststellung zieht sich wie ein roter Faden durch den Film.Zum Beispiel die Erzählstruktur, die sich aus dem Ineinanderfließen von Marios Privatleben und seiner Arbeit ergibt: Was sich in der Zusammenfassung wie ein Aufguß von Sauras eigenem Film "Carmen" liest, ist tatsächlich eine subtilere, von Selbstironie getragene Weiterentwicklung des Themas.Bis zum Schluß kann sich der Zuschauer nie sicher sein, was in diesem Vexierspiel Bühnengeschehen ist und was der erzählerische Rahmen.

Der Regisseur, verlassen von seiner Frau, der ungeheuer ausdrucksstarken tänzerischen Hauptdarstellerin Laura (Cecilia Narova), verliebt sich in die viel jüngere Elena (Mía Maestro), die ihrerseits von einem Mafioso protegiert wird - Stoff für mörderische Eifersucht, Geschlechterkampf, Machtkämpfe."Kann man diese Geschichte nicht anders erzählen?" fragt sich der Regisseur und läßt die beiden Frauen, plötzlich nicht mehr Rivalinnen, miteinander tanzen und anschließend zwei Männer - atemberaubend wie alle Tanzszenen in diesem Film.

Doch mit privaten Beziehungen gibt sich Saura, gibt sich Mario nicht zufrieden.Die Geschichte des Tango ist die Geschichte Argentiniens."Die Zuschauer erwarten von einem Musical leichte Unterhaltung", sagen die Sponsoren mit drohendem Unterton; der Regisseur ist anderer Meinung.Ein Gespräch zwischen Mario und Elena, die die Militärdiktatur nicht selbst miterlebt hat, geht in eine Sequenz von marschierenden Stiefeln, Gewalt und Vergewaltigung, Folterung und Mord über.Kann man die Militärdiktatur tanzen? Man kann.Und zwar so, daß dem Betrachter noch bei der Erinnerung eiskalte Schauer über den Rücken laufen.

Carlos Saura ist weicher geworden und hat gleichzeitig seine Unnachgiebigkeit behalten.Politisch gesehen ist "Tango" ein Plädoyer gegen das Vergessen, denn das Erinnern ist die einzige Waffe gegen schon einmal begangene Fehler.Was die Beziehungen zwischen Männern und Frauen angeht, wirkt der "alte Löwe" sanfter als früher und heiterer.Der Film "Tango" ist ein großer Wurf - und das Phänomen Tango um eine weitere Facette reicher.

Cinemaxx am Potsdamer Platz, Broadway, Film-Bühne Wien, Hackesche Höfe, Kant-Kino, Kosmos, Thalia

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