Kultur : Ein Volksheld klagt an

SÜLEYMAN ARTIISIK

Man hat ihn "cirkin Kral", den "häßlichen König" des türkischen Films genannt.Zu Unrecht: er war weder häßlich noch König.Er entsprach nur nicht dem milchgesichtigen Dandytyp, der seit jeher als Liebhaber über die türkischen Leinwände geistert.Yilmaz Güney (eigentlich Pütün), 1937 in einem Dorf bei Adana (Südanatolien) geboren, war jahrelang der einzige Filmschaffende der Türkei, der international bekannt wurde.

Ein Mann des Streitens.Ein Junge aus dem Volk.Jeder kannte ihn.Die meisten liebten ihn.Er war so etwas wie ein Volksheld, dessen Portrait die Wände von Kaffeehäusern und die Kisten der Schuhputzer zierte.In vielen Filmen spielte er eine Art sozialen Ganoven aus den unteren Schichten.Schauspieler war er eher zufällig geworden, nachdem er jahrelang als Filmvorführer über die Dörfer gezogen war.1967 gründete Güney eine eigene Produktionsgesellschaft und begann Filme in eigener Regie zu drehen, in denen er meist auch die Hauptrolle spielte."Agit" (Der Jammer, 8.11., 19 Uhr), "Zavallilar" (Die Armen, 9.11., 19 Uhr) und "Endise" (Die Lebensangst, 14.11., 17 Uhr) prangerten soziale Mißstände an, wandten sich aber auch gegen die selbstzerstörerischen patriarchalischen Normen des Landes.

Berühmt wurde Güney 1970 durch sein Meisterwerk "Umut" (Die Hoffnung, 7.11., 17 Uhr), das von dem Kutscher Cabbar handelt, der in die Stadt kommt, um das erhoffte Glück zu finden.Ein Film ohne Rührseligkeit, aber von großer Intensität.Mit diesem Film stand Güney an der Spitze einer realistisch-sozialkritischen Bewegung im türkischen Kino, die das anatolische Dorf als Schauplatz und die Lebenswelt der Unterprivilegierten als Inhalt entdeckte - inmitten einer türkischen Filmlandschaft, die massenhaft Unterhaltungskino für den eigenen Markt produzierte.

Güneys Filme wurden zensiert.1971 wurde er verhaftet, 1974 wegen Mordes an einem Richter zu 18 Jahren Haft verurteilt, obwohl 34 Zeugen seine Unschuld bezeugten.Vom Gefängnis aus führte er über Mittelsmänner Regie, bestimmte bis in kleinste Details seine Filme "Sürü" (Die Herde, 15.11., 17 Uhr) und "Yol" (Der Weg,17.11., 19 Uhr, 19.11., 21 Uhr)."Yol", der von seinem Assistenten Serif Gören begonnen worden war, konnte er nach seiner Flucht aus der Türkei selbst beenden.Der Film wurde 1982 mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet.

Im gleichen Jahr begann Güney im Exil mit den Dreharbeiten zu dem Film "Duvar" (Die Mauer), der in einem Kloster bei Paris gedreht und 1983 fertiggestellt wurde.Doch das politische Exil hat sich auf das Schaffen Güneys verheerend ausgewirkt.Der Film brachte die Kritik in einen peinlichen Zwiespalt."Duvar", als schreiende Anklage gegen die Zustände in türkischen Gefängnissen konzipiert, wirkte auf viele Betrachter angesichts endloser Variationen ermüdend.

Im März 1983 wurde Güney in Abwesenheit erneut zu sieben Jahren Haft verurteilt.Wenig später lehnte der in Frankreich lebende Künstler eine Einladung nach Bonn ab, weil er eine mögliche Auslieferung an türkische Behörden fürchtete.Unerwartet starb Güney am 9.September 1984 in Paris mit nur 47 Jahren an Magenkrebs.

"Grenzenlos.Kulturelle Begegnung mit der Türkei", Kino Arsenal, 6.bis 19.November.

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