Kultur : Ein voreiliger Abgang

Der Schriftsteller Gad Granach erzählt von seinem berühmten Vater

Norbert Thomma

Na, da schau her, der Henryk Broder ist verliebt. Er charmiert und gurrt. Sonst haut er gern mit wilder Rauflust um sich. Häme kann er schneller verschleudern als eine Tontaubenwurfmaschine ihre Scheiben. Aber schau, es geht auch anders. Broder glänzt vor Glück. Noch ein Anekdötchen, lockt er zärtlich, und Gad Granach gibt ein Anekdötchen. Erzählt vom Vater, dem berühmten Schauspieler, der nach guten Kritiken gleich 20 Zeitungen kaufte und auf der Straße verteilte, damit die Menschen auch erfuhren, was für ein toller Hecht er war. Oder Granach imitiert, wie sein Vater den Mephisto spielte (polternd, clownesk) und wie ihn später der Gründgens gab (zischend, gestapoesk).

Der Vater also, Alexander Granach, gestorben 1945 im New Yorker Exil, hat seine Autobiographie hinterlassen. Und der Augsburger Ölbaum-Verlag hat „Da geht ein Mensch“ neu aufgelegt, die ungekürzte Version (440 Seiten, 22 Euro). Und deshalb brennen am Montagabend im ersten Stock des Berliner Ensembles zwei Kronleuchter von der Größe eines Fiat 500, Gartenstühle sind fürs Publikum aufgestellt, dort, wo sonst Theaterbesucher in den Pausen ihren Imbiss einnehmen.

Wie konnten denn Brecht und der Vater so miteinander, wo wir gerade im BE sitzen, fragt Broder. „Sie mochten sich nicht“, sagt Gad Granach. Warum? „Nun, die Weigel mochte den Vater sehr.“

Vorn ist ein Podium aufgebaut, schwarzer Tisch, drei schwarze Stühle, schwarze Mikrofone, dahinter ein schwarzer Vorhang. Granach trägt einen schwarzen Cordanzug und einen schwarzen Pullover. Das kommt sehr gut zum eisbärfarbenen Haar und dem Vollbart. Ein bisschen sieht er aus wie Wolfram Siebeck nach einer Mayr-Kur. Links neben ihm sitzt Veit Schröder und liest Passagen aus „Da geht ein Mensch“. Der Schauspieler liest verdammt gut, dem würde man auch beim Vorlesen von Immobilienanzeigen zuhören. Und er liest aus einem Buch, das Lion Feuchtwanger zu einer Kaskade von Adjektiven trieb: „bereichernd, traurig, ergreifend, beglückend, heiter, belehrend“.

Die Frauen, natürlich. Rührend die Schilderung, wie der Bäckerlehrling schüchtern und sprachlos vor Unsicherheit die Bande zu einem Mädchen knüpfte. Später hatte der Schürzenjäger weniger Hemmung. Der Sohn erzählt von den Sonntagen, an denen er den Vater besuchte, der sich von Groupies umringt salben und massieren ließ (die Eltern waren geschieden), um anschließend zum Pläsier die Avus rauf und runter zu brausen. Und die Bergner? Ach ja, Elisabeth Bergner, auch eine der Eroberungen. Etwas neidvoll, diese Liaison. Alexander Granach machte in Hollywood Karriere („Ninotschka“; „Hangman also die“). Als er mit 55 überraschend nach einer Blinddarmoperation starb, schrieb die Bergner im Nachruf: „...schon wieder einer Deiner voreiligen Schritte“.

So launige Geschichtchen schleppt Granach d.J. haufenweise durchs Leben. Broder kennt sie schon, weil er Granach vor gut 20 Jahren in Jerusalem kennen lernte, wo dieser seit 1936 lebt. Die beiden funktionieren wie die Alten aus der Muppet-Show. Broder gibt äußerst bescheiden die Stichworte und der Sohn verwandelt stilsicher die Pointen. Der Sohn, also bitte, ist inzwischen immerhin 88 Jahre alt. Und ein vitaler Komödiant. Säße Bert Rürup unter den Zuschauern, er würde ins Mark erschrecken. Derart kregel sind Greise heutzutage, da kann der Experte den demographischen Faktor für die Rentenformel gleich noch mal neu berechnen.

Manchmal muss der Fragesteller etwas laut werden – die Ohren. Aber schon fängt sich Granach das Publikum mit den nächsten Sottisen. Das geht so im steten Wechsel mit dem Vorleser Schröder. Quasi Lesung mit Kommentar. Es fehlt ja so manches in der Autobiographie. Die Frau etwa, die Gad Granach gebar, kommt nicht vor. Und der Sohn ist auch irgendwie abhanden gekommen. Die Frau hat sich auf ihre Art gerächt. Lange noch hat der um Applaus buhlende Alexander bei ihr angerufen und nach Auftritten gefragt: „Wie war ich?“ Und jedesmal war die Antwort: „Schrecklich.“

Schade eigentlich, dass man Gad Granachs Anekdoten beim Lesen des Buches nicht mithören kann.

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