Kultur : Ein Wahn, der hellsichtig macht

NORBERT SERVOS

Schon immer lieferten Johann Kresnik die Biographien von Künstlern oder politischen Vorkämpfern die ergiebigsten Vorlagen für sein Choreographisches Theater.Der Einzelne als exemplarisch Leidender an einer schlecht eingerichteten Wirklichkeit - das scheint für politisch engagiertes Tanztheater der ideale Stoff, hier läßt sich der gesellschaftskritische Standpunkt mit dem individuellen Leidensweg verbinden.Was in anderen Arbeiten immer wieder ins Plakative und Moralinsaure abzugleiten droht - in den getanzten Biographien verdichtet es sich zu einem bildmächtigen Statement zu einer Gesellschaft.Von "Silvia Plath" bis "Rosa Luxemburg" hat es Kresnik in seinen besten Stücken verstanden, in das Bild der Zeit die intimen Details einer einzelnen Lebenslinie zu weben.

Diesmal dient ihm der sich allmählich verdunkelnde Lebensweg des spanischen Malers Francisco José de Goya an der Schwelle vom 18.zum 19.Jahrhundert als Ausgangspunkt einer radikalen Exkursion.Die Parallelen zur Gegenwart sind augenfällig: Damals wie heute kollidieren Epochen.Sorgte zu Goyas Zeiten der Umbruch der Industriellen Revolution im ausgehenden Rokoko für gesellschaftliche Eruptionen, so beschleunigt heute der Wechsel vom Industrie- zum Informationszeitalter den Lauf der Ereignisse.Die heraufziehenden Dämonen der neuen Zeit werfen ihre Schlagschatten auf Goyas Biographie.Vom hochangesehenen Hofmaler wandelt sich der Künstler zum düsteren Visionär und Gesellschaftskritiker, der gegen soziale Not und Krieg anmalt.

Kresnik konzentriert sich ganz auf diesen späten Goya, vor allem auf dessen Ertauben.In seiner eindreiviertelstündigen, mächtig dröhnenden Parforcetour will er in erster Linie eines zeigen: daß hier einer taub gemacht wird.Der Rückzug in die Innenwelt ist die Antwort einer hochsensiblen Künstlernatur auf die Widersprüche der Zeit: die feudale Ausgelassenheit des Rokoko gegen das reale Elend, der unterdrückerische Kodex des spanischen Katholizismus gegen die Lust der Liebe.Vielfach spiegeln sich die Zerrissenheiten in die persönliche Lebensgeschichte und erscheinen auf der Leinwand als dunkle Dämonen eines noch kaum faßbaren Umbruchs.

Schon im ersten Bild faßt Kresnik das drohende Unheil.Da hockt die Truppe kauernd und summend auf schweren Holzklötzen mit Äxten in der Hand.Eine femme fatale in roten Pumps tippelt durch die Reihen, legt sich auf die Baumstümpfe wie auf einen Richtklotz; im letzten Moment erst entgeht sie dem ausholenden Schlag.Die Gesellschaft, die da auftritt, hat ein doppeltes Gesicht.Mal maskiert sie sich wie eine ausgelassene Karnevalsgesellschaft; im nächsten Moment erscheint sie mit hohen Spitzhüten wie Scharfrichter der Inquisition.Ihr wahres Gesicht ist die Gewalt, ihre Heiterkeit bloß Attitüde.

Goya - Kresnik besetzt ihn aus Gründen schneller dramaturgischer Wechsel mit Osvaldo Ventriglia, Christian Camus, Pavel Straka, Marcelo Omine und Krysztof Raczkowski gleich fünffach - erscheint ihr gegenüber als Gekreuzigter, als Mann, der seinen Kopf stöhnend in einen gläsernen Schraubstock zwängt.Jede Form von Lärm, akustisch verstärkt, treibt ihn an den Rand eines Wahns, der ihn hellsichtig macht.Sein Leben wird zum Balanceakt, in dem sich die Bilder verzerren.Zerrissenheit auch in der Liebe: zwischen der nackten und der bekleideten Maja und sittenstrengen Alba, die mit Monika Kodato, Simona Furlani und Liliana Saldana ebenfalls dreifache Gestalt annimmt.Zwischen dem Moralkodex der Zeit und der Freiheit der Lust reibt sich Goya auf.

Immer wieder findet Kresnik atemberaubende Bilder für die inneren und äußeren Konflikte: Goya auf einem Nagelparcours balancierend, während ein Mann mit der Axt schabende Geräusche erzeugt.Goya zwischen zwei hängenden Stahlplatten, die krachend mit schweren Basaltbrocken beworfen werden.Die beiden Albas auf den Nagelbrettern wie aufgebahrt, die sich die Kleider vom Leib reißen, eine die andere teert und federt.Bilder einer lust- und lebensfeindlichen Brutalität, die die Protagonisten in den Selbsthaß treiben.Und allgegenwärtig erscheint jener Dämon (Susana Ibanez), der in den Bildern Goyas die allumgebende Gewalt symbolisiert und in Kresniks Stück die geheime Regie führt.

Freilich sorgt der Choreograph in all der Düsternis auch für humorvolle Brechungen, etwa wenn ein meuternder Gekreuzigter mit INRI-Baseball-Kappe hereingerollt wird und die Wundmale mit Ketchup markiert bekommt.Dabei halten Serge Webers Komposition und Reinhard Traubs exzellente Lichtregie das Stück im Fluß.Kaum ein Moment, in dem die Spannung nachließe.Kresniks alte Gefahr des vordergründigen Agitprop mit erhobenem Zeigefinger ist diesmal vermieden.Ein bildmächtiges Aktionstheater zieht in den Bann, unprätentiös und allein auf die Vitalität seiner ausgezeichneten Darsteller vertrauend.

So kann der Pionier des Choreographischen Theaters sich einen leisen und doch effektvollen Schluß leisten.Allein im weiten Bühnenhalbrund blendet Goya das Publikum mit einem großen, grellen Stufenfeuerwerk."Wo keine Hoffnung ist, muß man sie erfinden."

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