Kultur : Ein wahrer Kopf

Berlins UdK-Präsident Lothar Romain gestorben

Peter von Becker

An diesem unerwarteten Verlust wird die Berliner Universität der Künste wohl lange tragen. Ihr Präsident Lothar Romain war ein ungewöhnlicher Mann. Im Äußeren unauffällig, bei allem Selbstbewusstsein von sympathischer Bescheidenheit und einem unverkennbaren, aber leisen rheinischen Witz: So hat Romain den Tanker der größten deutschen Kunsthochschule mit ihren 4200 Studenten und 250 Professoren seit 1996 als unumstrittener, auch von Künstler-Professoren wie Georg Baselitz oder der Modemacherin Vivienne Westwood bewunderter Kapitän gesteuert.

Er selbst wirkte nie professoral und trotz seiner unverkennbaren Bildung auch nicht wie ein Intellektueller. Lothar Romain war vielmehr ein kunstsinniger Praktiker, ein vor Neugier, Ideen und Organisationstalent sprühender Ermöglicher, Menschenfischer, Networker – kurzum: ein glänzender Wissenschaftsmanager. In Köln hatte er Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft und Germanistik studiert, war nach sechs Redakteursjahren beim Südwestfunk Baden-Baden eine Weile kulturpolitischer Referent beim SPD-Vorstand und Kulturchef des Parteiorgans „Vorwärts“. Auf dieser Bahn hätte er auch das Zeug gehabt zu einem herausragenden, nicht nur in der SPD heute raren Bildungspolitiker.

Doch mehr als zur Partei oder Politik zog es ihn dann zu den Künsten. So konzipierte er 1977 mit Martin Schneckenburger die „documenta 6“ in Kassel und leitete bis 1995 auch das Programm „Kunst im öffentlichen Raum“ von Hannover. Zu Gerhard Schröder stand er zuletzt wohl in eher freundlicher Distanz. Aber im privaten Gespräch hatte er 2002 schon Schröders Wahlsieg vorausgesagt, als die CDU in allen Umfragen noch unschlagbar schien.

Diese Menschenkenntnis und der Sinn fürs Machbare, obwohl vermeintlich Unmögliche kamen auch der Berliner Kunsthochschule zugute, der er 2001 das Signum einer Universität der Künste (UdK) verschaffte. Von München, wo er eine Professur für Kunstgeschichte an der Akademie innehatte, gelangte Lothar Romain 1996 nach Berlin. In seinen neun Amtsjahren als Hochschulpräsident machte er den Kulturbildungstanker im Berliner Westen bald flotter und schlanker. Aus elf Fachbereichen wurden vier Fakultäten, und neben den traditionellen Künsten förderte Romain auch Design, Mode oder neue Medienbezüge. Wesentlich auf seine Initiative entstanden die Weiterbildungsstudiengänge Kulturjournalismus und Sound Studies sowie die Gründung des Instituts für neue Musik und zuletzt noch, am 1. Juli, das Jazz Institut Berlin.

In den Zeiten knapper Kassen bemühte sich Romain mit seinem Energie und Diplomatie verbindenden Geschick um mehr privatwirtschaftliches Engagement bei universitären, künstlerischen Projekten. Und er schuf internationale Verbindungen: erst jüngst zur China Academy of Arts in Hangzhou. Mit China hatte er große Pläne, weil er früh über den Tellerrand der eigenen Institution hinaus in die Welt und die Entwicklungen auf wirtschaftlichem und kulturellem Terrain in Asien blickte. So wirkte er immerzu anstiftend, auch als Sprecher der Rektoren und Präsidenten der deutschen Kunsthochschulen oder als Vorsitzender des RBB-Rundfunkrates. Am Donnerstag ist Lothar Romain mit 61 Jahren in Berlin gestorben. Viel zu früh.

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