Kultur : Ein Weltdorf namens Babylon

Die Grenzen der Globalisierung: Tariq Ali, Amos Oz und Benjamin Barber diskutieren – zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse

Julika Tillmanns

„Futura Mundi“ nennt sich der Kongress, mit dem sich die Frankfurter Buchmesse ein neues intellektuelles Glanzlicht aufsetzen will – „Zukünfte der Welt“. Schließlich gibt es nicht nur eine, sondern zahllose Vorstellungen davon, wie die Welt von morgen aussehen soll. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Zukunft global denken: Durch Fernsehen, Internet und die internationalen Märkte haben sich die Kulturen der Welt in nie gekannter Weise einander angenähert.

Zentral in der aktuellen Globalisierungsdebatte ist die Frage nach der „Regierbarkeit der Welt“ – und so lag es nahe, den Kongress mit diesem Thema beginnen zu lassen. Zusammengekommen warzu diesem Zweck eine erlauchte Schar intellektueller Berühmtheiten: Es sprachen der pakistanische Autor Tariq Ali, der amerikanische Politologe Benjamin Barber, der Vertreter der Weltbank Mats Karlsson, der israelische Schriftsteller Amos Oz und der Patriarch von Alexandria und Jerusalem, Gregorius III. Wie es gelegentlich die Art wahrer Berühmtheiten ist, lassen sie sich allerdings nicht so leicht in eine geregelte Diskussion einbinden. Die Frage nach der Regierbarkeit des Podiums überschattete die eigentliche Debatte.

Tariq Ali fühlt sich zunächst berufen, sein tagespolitisches Bekenntnis in der Irakfrage abzulegen. Der Einmarsch der Amerikaner in den Irak sei so gut wie ausgemacht, könne aber durch nichts gerechtfertigt werden – weder durch UN-Resolutionen, noch durch die potenzielle Fähigkeit des Iraks, Nuklearwaffen herzustellen. In beiderlei Hinsicht sei der Irak kein Ausnahmeland. Auf einem Podium zur Irak-Frage würde man das gerne vertiefen. So aber erscheint das Thema verfehlt. Das findet auch Amos Oz, dem der Nahostkonflikt näher liegt und der den Fanatismus als Hauptübel der globalisierten Gegenwart ausmacht. Fanatismus sei nur durch Solidarität zu bekämpfen, erklärt Oz und vernebelt daraufhin die Diskussion mit der metaphorischen Vision eines solidarischen Weltregimes: Vor vielen Jahrhunderten, erzählt der israelische Autor, als die meisten Menschen noch in kleinen Dörfern mit kärglichen Hütten lebten, verfügten sie über ein Wissen, das wir heute verloren haben. Diese Dorfbewohner hätten gewusst: Wenn auch nur eine Hütte brennt, muss man sofort losrennen und die Flammen löschen, damit nicht bald das ganze Dorf dem Feuer zum Opfer fällt. An dieses alte Wissen müssten wir wieder anknüpfen, mahnt Oz, denn wir leben in einer Welt, die zu einem nicht besonders großen Dorf zusammengeschrumpft sei und in der Fundamentalismus und Gewalt jederzeit von der einen Hemisphäre auf die andere überspringen können. Das wiederum gibt dem Patriarchen Gregorius III. das Stichwort. Er versteht nicht, warum von Globalisierung die Rede ist und nicht vom Kosmos als einem Ort, der so schön sein müsse, wie Gott ihn schuf.

Allein Benjamin Barber müht sich immer wieder, die diversen Lamenti zur Diskussion zu bündeln. Von welchen Instanzen denn künftig Recht ausgehen könne, wenn irgendwo in der Welt Gewalt ausgeübt werde. Sein Vorschlag einer „Erklärung zur gegenseitigen Abhängigkeit“, in der alle Nationalstaaten die Notwendigkeit anerkennen, Wege des Miteinander-Lebens zu finden, verhallt im großen Rauschen. In der anschließenden Runde soll es um die Verteidigung der kulturellen Vielfalt im globalen Dorf gehen, indem möglichst viele unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Aber das wechselseitige Verständnis will sich im allgemeinen Fremdeln bei französisch, englisch, deutsch vorgetragenen und simultan übersetzten Statements nicht einstellen – erst recht nicht bei den vorformulierten Darlegungen des Philosophen Yoichi Kawada, die zeitversetzt aus dem Japanischen übertragen werden. Das gewünschte babylonische Stimmengewirr erstarrt in eintönigen Monologen.

Bei einer Fortsetzung von „Futura Mundi“ müssten einige organisatorische Weichen neu gestellt werden, um die ehrenwerte Idee in eine gelungene Veranstaltung umzusetzen: Man wünscht sich kleinere Podien, Moderatoren, die ihrer Aufgabe entschiedener nachkommen, und Themen, die weniger zum Fabulieren einladen. Die Schar der Neugierigen aus den benachbarten Messehallen, Universitäten und Pressehäusern beweist indes, dass die Frankfurter Buchmesse einen angemessenen Austragungsort für den Dialog über die Zukunft darstellt.

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