Kultur : Ein Wicht, der Böses denkt

Mit seiner ersten Soloschau in der Galerie CFA gelingt Uwe Henneken ein großes Panorama der Zeit

Jens Hinrichsen

Eroberer sind markige Typen. Sie kämpfen sich durch Schlamm, Dschungel oder feindliche Reihen, um neue Welten in Besitz zu nehmen. Uwe Henneken porträtiert Pioniere, die anders sind. Sie heißen Knospe, Hälmchen oder Möhrchen. Der 1974 in Paderborn geborene Künstler schickt Pierrots, Comicwesen und rosa gekleidete Troubadoure zu neuen Ufern. Ein Clown namens „Schneeflöckchen“ (2008) kauert am Strand. Der Sand strahlt gelb, das Gemälde ist knallbunt, die Stimmung trübe. Zagend verbirgt der Ankömmling das Gesicht in den Händen. Hennekens „Eroberern“ steht das Scheitern oft ins Gesicht geschrieben.

In der Galerie Contemporary Fine Arts hat Henneken große, hohe Räume zu bespielen. Er tut das nicht nur mit einer beträchtlichen Anzahl von Bildern, Bannern und Skulpturen – er überzeugt vor allem mit sensibler Präsentation (Preise auf Anfrage). Im ersten Stock herrscht Melancholie, im Erdgeschoss wird aufgetrumpft. Da drohen drei Kanonen. Allerdings hat der Künstler die Gestelle clownesk bemalt und die Bronzeläufe mit verspielten Skulpturen besetzt. Auf dem Geschütz „Rumbling Rose“ (2008) lässt ein rosa Oktopus die Arme baumeln. Krieg steht offenbar nicht an. Party eher. Befremdliche Humoresken schuf Henneken mit der „Vanguard“-Serie. Kitschige Secondhand-Gemälde ergänzte er mit „Kilroy“-Männchen, die ihre Nasen über Bergkämme und Meereshorizonte steckten. Sie kamen wie Besatzer daher, die im Bildraum nicht gerade willkommen wirkten. Das Motiv stammt von US-Soldaten, die am Ende des Zweiten Weltkriegs eroberte Gebäude markierten und „Kilroy was here“ dazuschrieben. In seiner „V.O.T.E“-Skulpturengruppe (2007/08) überführt Henneken das Symbol ins Plastische: Skurril aus Fundstücken montierte Köpfe ragen aus alten Holzkisten. Das Kunstgewerbliche übersteigen sie hier allerdings nicht.

Ansonsten ist es eine starke Mixtur zwischen Gedankentiefe und unverfrorenem Kitsch, die Henneken den Betrachtern in seiner ersten Soloausstellung zumutet. Farbempfindlichen Gemütern mögen sich die Nackenhaare sträuben angesichts der giftgrün und violett schillernden Berg- und Seenlandschaft, in die zwei insektenhaft dünne Konquistadoren schleichen. Doch ist das Ausloten ästhetischer Schmerzbarrieren da gerechtfertigt, wo es auch inhaltlich um Grenzüberschreitungen geht.

Flohmarkt oder Kunstgeschichte: Hennekens Bildquellen sind ebenso vielfältig wie die stilistischen Ansätze. 2005 nahm er an der „Wunschwelten“-Schau der Frankfurter Schirn teil. Etablierte Maler wie Peter Doig und Karen Kilimnik, Newcomer wie Henneken waren als Kronzeugen für die „Neue Romantik“ in der Gegenwartskunst geladen. Der einzige deutsche Teilnehmer musste harsche Kritik einstecken. Zu Unrecht, wenn man hinter die pseudonaive Oberfläche seiner Bilder blickt. Konzeptuell schlägt Henneken einen weiten Bogen: Die Pionier-Bilder erzählen vom Anfang, andere Arbeiten von der Herbstzeit kultureller Systeme. Dieses Werden und Vergehen von Gesellschaften beschrieb Oswald Spengler im „Untergang des Abendlandes" (1918/ 1922), ohne mit dem Titel selbst eine pessimistische Botschaft zu verbinden. Henneken ließ sich von dem kulturphilosophischen Werk zu einer fröhlich-fatalistischen Kunst inspirieren.

Für das Endstadium steht das wiederkehrende Symbol des „Imperiums“ – ein gewachsenes Reich an der Obergrenze seiner Entfaltung. Die Außengrenzen sind, gleichsam mit schussbereiten Kanonen, gut gesichert, innerlich aber drohen Zerfall und Dekadenz. Mit Spengler müsste man sagen: Das Ende kommt von selbst, dagegen tun kann man nichts. Uwe Hennekens allegorisches System spielt natürlich auf heutige westliche Gesellschaften an. Tatsächlich glaubt er, dass wir „Autumn People“, Herbstmenschen, sind und dass Zeichen des Niedergangs am Horizont auftauchen. Global gesehen, könnte das stimmen: Der Weltmarkt taumelt, die Kunstmärkte schnappen allmählich über. Henneken sitzt freilich selbst auf dem Hochgeschwindigkeitskarussell und grübelt darüber nach, welche Freiräume dem Künstler noch bleiben. Mit dem „Imperium Schlemihlium Banner“ (2008) in Violett, Orange und Grün greift er die Schlemihl-Figur des Dichters Adalbert von Chamisso auf. Peter Schlemihl verkauft seinen Schatten dem Teufel und wird von den Menschen ins Exil getrieben. Er gilt als Sinnbild des romantischen, der Gesellschaft entfremdeten Künstlers.

Hennekens zeitgenössische Paraphrase ist da weniger eindeutig. Der schöpferische Mensch: im Abseits oder mittendrin? Das Motiv einer strahlenden Sonne füllt die Flagge aus. Aus dem lila Loch der Sonnenscheibe blickt Imperator Schlemihl, eine bekrönte „Kilroy“-Figur. Ein Tropf, der wie ein Fremder im eigenen Land (der Kunst) wirkt. Wie lange dieses Reich noch währt, weiß niemand.

Contemporary Fine Arts, Am Kupfergraben 10; bis 18. Oktober, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben