Kultur : Ein Witz von Leben

Marokkaner in Holland: die Familien-Groteske „Shouf Shouf Habibi“

Jan Schulz-Ojala

Ja, „Shouf shouf habibi“ (Schau, schau, mein Schatz) ist lustig. Immer wieder mal. In den Genre-Szenen zum Beispiel, in denen wir multikulturell aufgeschlossene Zuschauer uns selber längst häuslich eingerichtet haben. Der jüngste Sohn hat in der Schule was ausgefressen, der Vater, nur des Arabischen mächtig, wird zum Direktor zitiert, und sein Söhnchen macht den Dolmetscher – natürlich nur zum eigenen Besten. Oder die Bräutigam-Parade: Im Wohnzimmer sitzen die jungen Männer im Schlepp ihrer Väter beim Tee, von Vater zu Vater sucht man sich handelseinig zu werden, aber die Schöne hinterm Schnürvorhang in der Küche schüttelt nur den Kopf. Und ab gehen die Aspiranten, chancenlos.

Andererseits fällt der Film, gerade in seinen lustigen Szenen, seltsam aus der Zeit. Die Culture-Clash-Comedy hat es schwer in den Zeiten des Culture Crashs, europaweit. Die wunderbaren Waschsalons, die muslimischen Fundamentalismus-Grotesken, die kleinen Emanzipationskomödien der Nachgeborenen-Generationen haben ausgedient, wenn in Frankreich Autos brennen, in Deutschland junge Frauen Familienehre-Morden zum Opfer fallen und in Holland ein Regisseur allein deshalb erstochen wird, weil er einem weiblichen Aufschrei gegen den Islam Film und Stimme gab. Etwas ist anders geworden: nicht die Verhältnisse, sondern unsere Wahrnehmung davon.

„Shouf Shouf Habibi“, Kino-Debüt des TV-Serienregisseurs Albert ter Heerdt, war laut Presseheft der erfolgreichste niederländische Kinofilm des Jahres 2004, beliebt sowohl bei den marokkanischen Immigranten wie beim üblich komödieninteressierten Publikum. Gestartet wurde er im Februar; der Mord an Theo van Gogh im November und die folgenden ausländerfeindlichen Unruhen in Holland veränderten alles. Seitdem steht die Multikulti-Ideologie europaweit als Irrtum da, als Schmusekurs blinder Gesellschaften gegen sich selbst. Und die pure Culture-Clash-Comedy zumindest unter dem sanften Verdacht, derlei harmonisierende Gefühlsschablonen bloß billig abzupolstern. Da scheinen harte Filme wie Fatih Akins „Gegen die Wand“ oder Ken Loachs „Ae Fond Kiss“, auch sie aus dem letzten Jahr, eher zukunftsweisend, weil sie die Risse in den multiethnischen Gesellschaften scharf stellen – und auch jene in den Einwandererfamilien selber nicht beschönigen.

Dabei hebt Albert ter Heerdts Film über eine marokkanische Familie durchaus rasant an. Die alt gewordenen Eltern: des Niederländischen nicht mächtig und in ihrer sozialen Unangepasstheit die prächtigsten Komödienfiguren. Dann deren vier Kinder: der assimilierte Streifenpolizist, die aufbegehrende Modedesignerin, der schlaue Nachzügler-Sohn, der sich mit kleinen Erpressungen einstweilen kleine Schweigegelder verdient – und mittendrin Abdullah (Mimoun Oaissa), aus dessen Perspektive die Geschichte überwiegend erzählt wird. Schauspieler will er werden, aber pendelt eher zwischen Gelegenheitsjobs und kleinen oder größeren Einbrüchen hin und her. Und ein richtig traditioneller Marokkaner will er sein: Seine flüchtige Schwester verprügelt er brutal – und nimmt kurz darauf vor der eigenen Dorfhochzeit Reißaus. Eine Schizo-Biografie, ein Witz von Leben zugleich.

Das lässt sich locker gucken, und doch mischen sich bald Zweifel in jede noch so winzige Länge. Nicht nur, weil sich längst andere Bilder ins Gedächtnis gebrannt haben als das pure Lachmaterial. „Shouf Shouf Habibi“ ist selber ein Zwitter: mal bloß Klamotte, mal bittere Satire auf porös werdende Identitäten in einer fremden Mehrheitsgesellschaft; mal Beziehungsmelodram, mal Familien-Groteske, augenblicksweise sogar Tragödie. Mehr und mehr verheddert sich der Film ins Ernstliche, auch ernstlich Irreparable der Familienverhältnisse – ohne vom leichten Ton lassen zu wollen.

Vor anderthalb Jahren wäre „Shouf Shouf Habibi“ ein schöner Spaß gewesen, heute wirkt er mitunter wie ein schlechter Scherz. Irgendwie tragisch: Denn seine Schuld ist es nicht.

fsk (OmU), Moviemento, Nickelodeon, Zoo Palast

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