Kultur : Ein, zwei, viele Israels

Ein Leipziger

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von Gregor Dotzauer

Natürlich sollte man zum 40. Geburtstag der deutschisraelischen Beziehungen vor allem von den guten Nachrichten sprechen. Vom Wunder, dass die im Mai 1965 offiziell aufgenommene Diplomatie auch manch bitterem Realismus standhielt. Von der Verlässlichkeit Deutschlands innerhalb der EU, wie sie Israel in keinem anderen Land findet. Vom Handelsaufschwung, der Deutschland zum zweitwichtigsten Handelspartner nach den USA gemacht hat. Und vom Kulturaustausch, den bis heute fast 100 Städtepartnerschaften, 500000 reisende Jugendliche, zahllose Künstlergastspiele und Buchübersetzungen in beide Richtungen befördern.

Man soll, wie Shimon Stein, Jerusalems Botschafter in Berlin, aber auch die schlechten Nachrichten nicht verschweigen. Stein zitiert in seiner Rede beim von Bertelsmann veranstalteten Festakt zum 40. Beziehungs-Jubiläum am Rande der Leipziger Buchmesse eine Umfrage, derzufolge 65 Prozent der Europäer Israel für eine größere Bedrohung des Weltfriedens halten als Nordkorea oder den Irak.

Vor allem aber gilt es, über das Verhältnis der Länder mit einer Farbigkeit zu sprechen, die den Formeln erst Sinn verleiht. In der Rede von Außenminister Joschka Fischer, der gerade von der Neueröffnung der Gedenkstätte Jad Vaschem zurückgekehrt ist, ist davon außer der rituellen Bekräftigung des Bekenntnisses zum bedingungslosen Existenzrecht des Staates Israel leider nicht viel zu spüren.

Es ist dann die Sache des Schriftstellers Amos Oz, im Gespräch mit „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe der Widersprüchlichkeit seines Landes in ein paar schillernden Bemerkungen Gestalt zu verleihen. „Für Außenstehende“, erklärt Oz, „besteht es aus 80 Prozent fanatischen Siedlern, 19 Prozent Soldaten und einem Prozent ungehaltener Intellektueller.“ Mit guten Gründen könnte man Israel für arrogant halten. Es habe aber viele Gesichter: das eines riesigen Flüchtlingslagers ebenso wie das einer italienisch lärmenden Großstadt nach dem Muster von Tel Aviv.

Noch als Jugendlicher hatte sich Oz geschworen, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Auch das Wort von der Wiedergutmachung, die Konrad Adenauer und David Ben Gurion 1952 im Luxemburger Abkommen besiegelten, war ihm zuwider. Nicht zuletzt die Beschäftigung mit der komplizierten Ehe deutscher und jüdischer Kultur, lange bevor sie in die Shoah mündete, belehrte ihn eines Besseren. „Selbst wenn ich Israel nicht ausstehen kann“, bekennt er nun, „liebe ich es.“ Keine schlechte Voraussetzung, auch für die Freundschaft zu Deutschland.

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