• Einar Schleef, der Regieberserker, hat am Wiener Burgtheater wieder zugeschlagen: diesmal mit sanfter Pranke.Und sein "Wilder Sommer", halbfrei nach Carlo Goldoni, währt auch bloß vier Stunden

Kultur : Einar Schleef, der Regieberserker, hat am Wiener Burgtheater wieder zugeschlagen: diesmal mit sanfter Pranke.Und sein "Wilder Sommer", halbfrei nach Carlo Goldoni, währt auch bloß vier Stunden

WOLFGANG KRALICEK

Burgtheatervorstellungen müssen um 23 Uhr zu Ende sein, dieses fast eiserne Vorhangs-Gesetz ist auch über Wien hinaus seit ungefähr einem Jahr wohlbekannt.Zur Erinnerung: Während der nicht nur deshalb denkwürdigen Uraufführung von Elfriede Jelineks "Sportstück" im Januar 1998 hatte Regisseur Einar Schleef knapp vor der kollektivvertraglich festgesetzten Sperrstunde den im Ersten Rang thronenden Burgtheaterdirektor Claus Peymann von der offenen Bühne her buchstäblich auf Knien angefleht, länger spielen zu dürfen - und die Premiere dauerte bis weit nach Mitternacht.

Für Schleefs zweite Arbeit am Burgtheater waren ähnliche Probleme erwartet worden.Zuerst wurde die für Mitte Dezember angesetzte Premiere "krankheitshalber" verschoben, mußten die ersten angesetzten Vorstellungen als "Voraufführungen" über die Bühne gehen.Obwohl dabei nur Teile der Inszenierung gezeigt wurden, dauerten diese öffentlichen Proben an die fünf Stunden, und der Regisseur wies bedauernd darauf hin, seine Arbeit nicht auf zwei oder gar drei Abende verteilt zeigen zu dürfen.Am Premierentag schließlich verzichtete die Direktion auf einen sonst üblichen Hinweis: Wann die Vorstellung enden würde, wurde zum ersten Mal in der jüngeren Burgtheatergeschichte nicht verraten.

Überraschenderweise war dann aber alles um 22 Uhr 30 gelaufen, und der begeisterte Teil des Publikums erklatschte sich wie schon beim "Sportstück", konditionell unermüdlich, noch ein paar gesungene Zugaben.Im Vergleich zur Jelinek-Uraufführung ist dem Bühnenberserker Schleef diesmal jedoch nur ansatzweise gelungen, zwingende Bilder für seine Visionen zu finden.Dennoch werden Schleef-Fans die Aufführung im Herbst wohl auch zu Peymanns Einstand am Berliner Ensemble erleben können.

Das Stück heißt "Wilder Sommer" und ist eine sehr freie Bearbeitung von Carlo Goldonis vor allem durch Giorgio Strehlers Interpretation bekannter "Trilogie der Sommerfrische" von 1753.In drei zusammenhängenden Stücken führt der venezianische Komödienautor eine bürgerliche Gesellschaft vor, während und nach einer Landpartie; bemerkenswert wirkt die reichlich unverblümte Verquickung von Geld und Gefühl sowie der Umstand, daß die wahren Partner am Ende nicht zusammenfinden: Das Liebespaar im Mittelpunkt der Handlung fügt sich den gesellschaftlichen Normen und heiratet den jeweils ungeliebten Partner.Ihrer Melancholie und des verwandten Ambientes wegen gilt die "Trilogie" nicht zuletzt als Vorläufer der bitteren Komödien Tschechows.In seinem im Programmheft abgedruckten Essay aber setzt Schleef das Werk auch in Bezug zu zwei zeitlich näheren, erotisch-libertinösen Romanen aus Frankreich (wo Goldoni seine letzten Lebenjahre verbrachte): zu de Sades "Die 120 Tage von Sodom" und Mirabeaus "Der gelüftete Vorhang" (1786).

Goldonis bürgerlicher Welt steht mit den französischen Autoren eine Aristokratie im Endstadium gegenüber: Pornographie sei ein Ausdruck von Herrschaft, Abhängigkeit und Tod, schreibt Schleef.Die "Trilogie der Sommerfrische" wirke "wie ein Abgesang", und Goldoni ahne in seinen Werken "die revolutionäre Entwicklung" voraus.In der jetzigen Nachdichtung (als Autor wird in Wien, typographisch etwas irreführend, ein gewisser Goldoni-Schleef angegeben) geht es dem Regisseur also um das Bild einer vorrevolutionären Gesellschaft; wie Heiner Müller, dessen Laclos-Paraphrase "Quartett" zugleich in einem "Salon vor der Französischen Revolution" und einem "Bunker nach dem dritten Weltkrieg" angesiedelt ist, schließt Schleef zwei Jahrhunderte kurz, um auf diesem Weg von heute (und morgen) zu erzählen.

Obwohl er der Vorlage wenigstens im ersten Teil der Aufführung relativ nahe bleibt, ist vom Original nicht viel mehr geblieben als die Namen der Figuren und das Motiv der bevorstehenden Abreise in die Sommerfrische.Die Liebenden Giacinta und Guglielmo treten gleich vier- bzw.dreifach in Erscheinung; andere Figuren - wie der Bräutigam Leonardo, der sich hier nur für seinen Diener Paolo zu interessieren scheint - sind nicht mehr wiederzuerkennen; zahlreiche Personen, darunter eine "Malerin des französischen Königs" und ein "Bibliothekar des französischen Königs", sind überhaupt neu dazugekommen.Der erste Teil, der im wesentlichen dem Auftakt der Trilogie entspricht, spielt in einem weißen, dreistöckigen Puppenhaus: Die Handlung tobt gleichzeitig in vier Zimmern und einem schmalen Obergeschoß, in dem sich die Dienstboten balgen und sich ein deutscher Hauslehrer namens Ludwig (eine Schleef-Erfindung) erhängt.Über das schmale Treppenhaus in der Mitte der Bühne treten ständig neue Figuren auf, vom fünfköpfigen A-cappella-Chor bis zur Betschwester und einem Schneider, der wie eine Parodie auf einen Rokoko-Franzosen kostümiert ist.Es werden Ständchen gesungen und Kleider anprobiert, die Männer vergraben ihre Köpfe in den Schößen der Frauen, und die Frauen fallen (nicht nur deshalb) gerne in Ohnmacht.

Gut anderthalb Stunden lang geht das so, und das allgemeine Durcheinander ist so schlampig arrangiert und teilweise so abenteuerlich schlecht gespielt - die Hauptrollen sind großteils mit jungen Chormitgliedern aus dem "Sportstück" besetzt, auch Profis wie Ursula Höpfner oder Martin Brambach müssen ihre Dialoge entweder brüllen oder fiepen -, daß man sich schon zu fragen beginnt, warum die Premiere nicht abermals verschoben wurde.Dann endlich verschwindet der Bühnenkasten in der Tiefe: Auf der leeren, blau schimmernden (Dreh-)Bühne besteigt das Ensemble Barken und fährt, ein italienisches Lied raunend, übers Meer in die Ferien: Mit diesem langen, schönen Bild, dem ersten Schleef-Bild des Abends, geht es in die Pause.

Nach der Pause ist von Goldoni kaum noch etwas zu erkennen: Auf einer großen, freien Bühne, die einen stilisierten Tempel darstellt, wechseln nun wiederum ähnlich wie im "Sportstück" Dialoge und Monologe mit chorischen Szenen ab.Vom Korsett der Vorlage befreit, hat die Aufführung hier ihre stärksten Momente.Zum Beispiel, wenn das Ensemble in Schwimmkostümen den Zuschauerraum stürmt, um ein ausgiebiges "Bad in der Menge" zu nehmen und sich - mit tatkräftiger Mithilfe des Parkettpublikums - riesige gelbe Bälle zuzuspielen; als Kontrast zu diesem Moment ausgelassener, verspielter Sinnesfreude folgt unmittelbar darauf der Auftritt des alten Dieners Cecco (Rudolf Melichar), der splitternackt sein Los beklagt: "Happen schiebt mir die Dame des Hauses zu, die ich früher befummeln durfte.") Die Schauspieler stehen auf riesigen Kothurnen und treten in gewaltigen Reifröcken und mit bizarren Kopfbedeckungen zum Menuett an (hier tritt, wie üblich im Frack, endlich auch Schleef selbst in Erscheinung) und rasen schließlich in Zivil an die Rampe, um auf abgedunkelter Bühne einen Chor der Flüchtlinge anzustimmen: "Wir bitten nicht, wir fordern von euch Wohnung, Brot, Kleidung und Fleisch.Gebt mehr als wir fordern, anerkennt, Gastrecht ist Pflicht."

Von der klassischen italienischen Komödie ins vorrevolutionäre Frankreich und von dort zurück an die Küsten des von Asylanten heimgesuchten Italiens von heute: Es ist ein weiter Weg, den Einar Schleef an diesem mit vier Stunden Spieldauer (für seine Verhältnisse) relativ kurzen Abend geht.Es macht den Anschein, als hätte er sich auf diesem Weg im Verlauf der monatelangen Proben irgendwann selbst verlaufen.Offenbar hatte die Distanz, die er gegenüber Jelineks Vorlage bewahrt hatte, jene Spannung erzeugt, die der Inszenierung seines halbwegs eigenen Stücks nun fehlt."Mein Text ist ein Stück über die Liebe in jedweder Form, der wir alle bedürfen", behauptet Schleef.Es bleibt allerdings bei der Erkenntnis, daß Sex mit Geld und Macht zu tun hat - und auch die wird beinahe ausschließlich über den Text vermittelt.Szenische Übersetzungen für die "Liebe in jedweder Form" gibt es an diesem weitgehend unsinnlichen, unscharfen Abend kaum.

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