Kultur : Einar Schleef: Lob der Kündigung

Heute hatten Sie keinen Fahrradunfall?

Heute hatten Sie keinen Fahrradunfall?

Sie reden so, als wäre das mein tägliches Vergnügen.

Angeblich sind Sie schon zwei Mal mit Wolfgang Joop zusammengestoßen.

Was heißt angeblich? Einmal ist er mir mit dem Auto ins Rad gefahren, hier in Berlin am Friedhof. Ohne sich zu entschuldigen - was sollte man von einem Westler auch anderes erwarten. Und einmal bin ich ihm direkt in die Beine gerauscht, das war in New York.

Vielleicht fahren Sie zu schnell.

Nein, gar nicht. Ich habe ein Damenrad, zwei Gänge. Und wenn ich zwanzig Stundenkilometer fahre, dann ist das schon viel. Kürzlich habe ich einen befreundeten Museumsdirektor auf der Frankfurter Zeil angefahren. Ein pingeliger Typ, der sich auch gleich über seine dreckige Hose mokiert hat. "Ich könnte die Hose signieren, dann haben Sie einen echten Schleef", habe ich ihm gesagt.

Mit anderen aneinander zu geraten, das ist ja sowieso ein wesentlicher Teil Ihres Lebens. Sie waren 27, als Sie damals noch in der DDR aus der Volksbühne flogen.

Schade, denn diese Stelle als Bühnenbildner war ein Traum für einen Berufsanfänger, aber es waren eben alle gegen mich.

Was haben Sie denn gemacht?

"Don Gil von den Grünen Hosen" von Tirso de Molina, ein mit Stasi-Spitzen gespicktes Stück, richtig klasse. Aber dem Regisseur und späteren Intendanten, Benno Besson, war alles zu spitz. Was macht ihr denn da, seid ihr denn bekloppt, hat er immer wieder herumgemotzt. Dieser Zerstörungsprozess war schrecklich. Und dann seine Inszenierung - die war schrecklich, eine widerliche sozialistische Anpassung.

Sie wollten von der Kündigung erzählen.

Da war nicht viel. Noch während der Premiere kam mir die Kostümassistentin heulend auf dem Gang entgegen und überreichte mir das Schreiben. Ich steckte den Brief ein und ging nach Hause.

So lässig?

Ja, sicher. Die Kündigung hatte ich doch erwartet.

Aber der Rauswurf muss doch irgendein Gefühl in Ihnen ausgelöst haben.

Das Problem war nicht der Rauswurf, sondern das plötzlich fehlende Geld: Meine Freundin war ja auch ohne Arbeit. Ein Jahr lang konnten wir uns kaum über Wasser halten, das war richtig finster.

Wann kam wieder Licht ins Leben?

Ein paar Monate später, in der Bibliothek der Akademie der Künste. Ich wollte ein paar Westbücher lesen, und auf einmal begrüßte mich das Personal mit einem "Ach, Herr Schleef, wie schön, dass Sie hier sind." Ich dachte, die hätten was getrunken. Dabei hatte ich an diesem Tag nur keine Zeitung gelesen. Dort stand nämlich drin, dass ich für mein Bühnenbild den Kritikerpreis der "Berliner Zeitung" bekommen sollte.

Der Auszeichnung folgte der Ruf ans Berliner Ensemble - wo Sie auch wieder vor die Tür gesetzt wurden.

Ja, drei Mal hintereinander.

Bitte eine Kündigung nach der anderen.

1975, "Fräulein Julie" von Strindberg: Ich war Bühnenbildner und Co-Regisseur. Da hat sich sogar die Familie Brecht gegen mich gestellt. Bei ihr wusste ich nie, woran ich war, mal hü, mal hott. In einem ihrer Briefe sprachen sie von einer "asozialen und geschmacklosen Illustration des Strindbergschen Textes" und protestierten gegen diese Aufführung. Ich hätte keine Rücksicht auf Brecht genommen.

Haben wir nicht eine Kündigung übersprungen?

Zwei sogar. Jedes Stück im Berliner Ensemble hat doch zur Kündigung geführt: Ich flog auch schon die Jahre zuvor nach Strittmatters "Katzgraben" raus, und nach "Frühlings Erwachen" von Wedekind.

Aber das Stück war ein Riesenerfolg.

Klar, 116 Aufführungen, aber das hat die nicht gekümmert, sie waren gegen meine Politik. Die wollen Menschen mit eigenen Vorstellungen nicht haben, also weg damit. Das gibt es heute im Westen genauso.

Wie war denn Ihre Politik?

Ich war nicht in der SED, ich war nicht systemkonform. Ich sei auch gar nicht parteiwürdig gewesen, hieß es. Und was wollte man mit einem Sprachgestörten, der nicht einmal drei Sätze zusammenbringt.

Ihr Arbeitgeber hat Sie doch vor der Einstellung sprechen und stottern hören.

Wie auch immer. Auch im Deutschen Theater wurde mir dreimal gekündigt, schon 1973 nach der Bauprobe zum "Götz von Berlichingen". Es kam dort sowieso zu keiner einzigen Premiere. Ich wurde einfach während der Proben ausgewechselt. Das war die sechste bis achte fristlose Kündigung.

Das sind erst sieben Kündigungen.

Weil Sie meine Exmatrikulation vom Februar 1965 nicht mitgezählt haben, meine erste fristlose Kündigung, noch vor der Geschichte mit der Volksbühne. Ich studierte Malerei, später auch Bühnenbild an der Kunsthochschule Berlin Weißensee - und hätte damals vielleicht nicht sagen sollen, dass ich die Bilder meines Dozenten Scheiße fand. Überhaupt war die sozialistische Kunst nach dem Krieg Scheiße. Im Werk der Künstler hat sich widergespiegelt, was da draußen passierte. Das Problem hing direkt an den Wänden, jeder konnte es sehen. Bei Dix, bei Beckmann, bei Nagel. Die Bilder waren ganze Biografien. Und dann hätte ich denen noch in den Arsch kriechen sollen.

Exmatrikuliert wegen einmal "Scheiße"?

So haben die es natürlich nicht begründet. Die haben sich hinter irgendwelchen Argumenten versteckt: "Sie sind einfach nicht konsensfähig, Sie haben keine Hochschulreife." Nicht die Schuldigen, nicht die Künstler wurden verantwortlich gemacht, sondern der Ehrliche, ich.

Musste der Ehrliche denn selbst schon mal jemanden entlassen?

Ja, musste ich. Und der Ekel darüber war unbeschreiblich. Da setzt die Kritik auch an mir selbst an. Ein Schauspieler am Berliner Ensemble zwang mich dazu. Er wollte einfach nicht planmäßig arbeiten und kam nicht zu den Proben.

Zu den Proben sind Sie auch selbst mal nicht erschienen - nach der Inszenierung von "Herr Puntila und sein Knecht Matti" ging es drei Jahre vor Gericht.

Verschonen Sie mich damit noch ein bisschen. Wir reden später darüber.

Sie lamentieren, dass alle immer nur auf Ihnen herumhacken. Dabei schien Ihr Wert doch mit jeder Kündigung zu steigen.

Im Westen waren es Machtspielereien zwischen den Theatern. Ganz primitiv hat man sich da mit der Einstellung eines gefeuerten Skandal-Regisseurs geschmückt. Und im Osten gab es außer mir nur eine Handvoll Meisterschüler unter den Bühnenbildnern. Aber sobald sie gespürt haben, wo es bei mir langgeht, wollten sie sich schnell wieder von mir trennen. Ich habe 1976 ein Stück geschrieben über den Untergang der DDR. Die Leute, denen ich das gezeigt habe, schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Heiner Müller sagte wörtlich: "Wie kann unsere DDR untergehen?" Und ich dachte mir: "Kinder, seid ihr im Kopf noch ganz richtig, natürlich muss sie untergehen." Alles, was ich vor meiner Flucht aus der DDR 1976 gemacht habe, beschäftigte sich mit genau diesem Thema. Das stieß den anderen übel auf, und ich musste gehen.

Bevor Sie in den Westen kamen, wurde Ihnen nochmal während einer Premiere gekündigt.

Im Kindertheater in Dresden, 1975. Dort wollte ich Grimms "Der Fischer und seine Frau inszenieren". Falsche Weltanschauung. Kündigung Nummer neun.

Zehn?

Das war 1976 bei Wedekinds "Schloss Wetterstein" am Wiener Burgtheater, wo ich Bühnenbild und Co-Regie machte. ,Die Arbeit wurde abgebrochen.

Im Osten wurden Sie entlassen, weil Sie nicht systemkonform gearbeitet haben. Warum jetzt auch im Westen?

Das machte keinen Unterschied. Draufgedroschen wurde hier wie dort.

Keine Kündigung am Frankfurter Schauspiel, wo Sie Ende der Achtziger unter Intendant Günther Rühle mehrere Stücke inszenierten?

Es war 1990, bei der letzten Aufführung von Feuchtwangers "Neunzehnhundertachtzehn", in der letzten Pause, also noch während des Stücks. Herr Rühle kam zu mir. Zack, Kündigung. Der Grund: kein Geld mehr, angeblich. In Wirklichkeit lag es wohl am Moorsoldatenlied, das war dem Oberbürgermeister und der ganzen Stadtverwaltung zu kommunistisch. Vor vollem Haus trat ich dann auf die Bühne: "Ab heute", ich habe auf die fünfzig Schauspieler hinter mir gedeutet, "treten diese Künstler nicht mehr auf." Unfassbar, ich meine, wir haben da vier Jahre lang erfolgreich gearbeitet. Das Problem war wieder einmal ich.

Alle Theatermenschen wollen doch provozieren und freuen sich dann, wenn Ihnen ein Skandal angehängt wird.

Ach was: Ich finde meine Inszenierungen oft ganz sanft, während andere von Provokation reden.

Kündigung Nummer 12, bitte.

Das war wieder am Berliner Ensemble, 1993. Ich habe "Wessis in Weimar" von Rolf Hochhuth uraufgeführt. Wir sollten einfach mal machen, hieß es. Und dann kam Herr Hochhuth 14 Tage vor der Premiere mit einem funkelnagelneuen Textbuch. Ich bin schier auf den Rücken gefallen. Es war ein ganz anderes Stück, sogar Titel und Personenzahl hat er geändert. Das war unmöglich. Obendrein wurde mir noch von den Brecht-Erben juristisch untersagt, weiter Texte aus Brechts "Lob des Kommunismus" zu verwenden. Ich solle das zu Hause unter der Bettdecke lesen, hat mir die Brecht-Enkelin Barbara Brecht-Schall geschrieben. Diese Idee habe ich dann direkt in die Inszenierung übernommen.

Noch ein diskussionslos akzeptierter Rauswurf, Herr Schleef?

Aus dem Schiller-Theater, das Theater wurde ja im Oktober 1993 geschlossen. Da wurde uns allen gekündigt, angeblich auf demokratische Art. Der Berliner Kultursenator hat die Künstler aus allen Berliner Theatern eingeladen und dann gemeint, dass eines geschlossen werden müsse. Da wir das Feindbild verkörperten, war alles längst entschieden. Soweit die Demokratie.

Provozieren Sie Ihre Kündigungen?

Ich sage meine Meinung, das ist alles. Ich mag keine lauwarm abgekochten Kompromisse. Gucken Sie sich doch die Theaterleute an: Drei Viertel von ihnen lassen ihr Denken vor der Eingangstür, sie vergewaltigen sich selbst. Ich lasse es dagegen raus, eruptiv. Und dann sind auf einmal alle ganz erschrocken. Nur nicht aufschreien, alle wollen, dass der Betrieb so in seinem Trott weitergeht und stellen das über den Inhalt. Der Lappen muss hochgehen, auch wenn wir unter den Bühnenbrettern verbluten.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass es Ihr Traum wäre, als Tyrann mal so richtig loszulegen. Sie klingen aber viel mehr nach Resignation.

So wie die Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg versagt haben, haben sie auch bei der Wende versagt. Die politischen Veränderungen sind schneller als wir. Das beste Beispiel war Österreich, wo ich Haiders Aufstieg miterleben musste - da wird einem die Ohnmacht erst richtig bewusst. Theater und Publikum trennen sich immer stärker. Man sieht keinen Künstler, der irgendwo etwas zu sagen hätte.

Warum hören Sie nicht einfach auf und reparieren Damenräder?

Ich weiß nicht.

Also doch weiter Kündigungen sammeln.

Das ist eben meine Biografie.

Wann erwarten Sie denn die nächste Kündigung?

Jedes Stück ist dafür prädestiniert. Aber halt, ich habe ganz vergessen, vom Bochumer Schauspielhaus zu erzählen. Da flog ich schon 1991 raus: Ich wollte "Trümmer", ein Tanztheaterstück von Reinhild Hoffmann, auf die Bühne bringen. Dann wurde ich krank und bin in mein Atelier nach Frankfurt gefahren. Nach drei Tagen wurde mir gekündigt. So sind eben die Verträge - bei Nichterfüllung: aus. Selber ist man das Arschloch.

Sie kokettieren mit Ihren Rauswürfen.

Kündigungen sind wie wunderbare Geschenke für mich.

Und eine Art lebenslanger Therapie?

Nehmen wir die Kündigung an der Hochschule der Künste Berlin, wo ich ein Semester lang als Professor für Bühnenbild gearbeitet habe: Es war wie eine Verjüngungsspritze. Wie schade, meinten die Leute um mich herum, das wäre eine so gute Altersvorsorge gewesen. Die haben sie doch nicht mehr alle! Die Perspektive im Alter hat sich bei mir verändert, die Zeit wird endlich. Jeder Schlag ist heute eine Verjüngung. Deshalb kann gar nicht stark genug gedroschen werden. Manchmal habe ich jahrelang mit denselben Menschen zusammengearbeitet. Allein hätte ich es nicht geschafft, mich von ihnen zu trennen.

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