Kultur : Einbildungen und Lichtblicke - bei Mathias Kampl

Elfi Kreis

Spätestens mit dem Siegeszug der digitalen Fotografie in den neunziger Jahren wurde auch dem Allerletzten noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass Fotografie kein Abbild der Wirklichkeit ist (und niemals war). Die Fotografien von Gerd Bonfert könnte man auf den ersten Blick für Paradebeispiele aus dem Möglichkeitsspektrum am Computer manipulierter Bilder halten. Da ist der Körper eines Mannes in Nadelstreifenanzug zu sehen, der auf einem Stuhl im Dunkeln sitzt. Seltsam geisterhaft wirkt der Rumpf dieser Gestalt. Eine Figur, die im Moment zwischen Erscheinen und Entschwinden auf dem großformatigen Fotopapier fixiert scheint. Der Kopf aber hat sich in schwarzen Schattennebeln aufgelöst und ist verschwunden. Statt dessen schwebt der Schwerelosigkeit enthoben der helle Quader eines Basaltsteins über dem Kopflosen (Auflage 3, 6100 Mark).

Und doch ist bei der Schwarzweiß-Aufnahme kein Trick im Spiel. Es gibt weder Doppelbelichtungen noch wird in der Dunkelkammer technisch manipuliert. Im Gegenteil: Der 1939 in Rumänien geborene und seit 1986 in Köln lebende Künstler experimentiert mit den herkömmlichen Methoden der Fotografie. Seine Bilder entstehen in einem einzigen Arbeitsgang in Langzeitbelichtung: Kameraobjektiv auf, Kameraobjektiv zu, ansonsten gibt es keine weiteren Eingriffe ins Bild mehr. Der Raum ist völlig abgedunkelt, zur Beleuchtung genügt eine einfache Glühbirne. Die Lichtstrahlen werden vom Objekt reflektiert und treffen durch die Linse gebrochen auf das lichtempfindliche Filmmaterial. Neuerdings verwendet er für einzelne Arbeiten eine Lochkamera.

Bronfert benutzt sein eigenes "Ich" als plastisches Material zum Aufbau und zur Formulierung einer durchdachten Bildidee. Auch bei einer anderen Aufnahme, die ihn als am Tisch grübelnden Denker zeigt, bei dem der Stein wie eine seinem Kopf entsprungene Vision wirkt, sieht er sich nicht als Modell eines Selbstporträts (5700 DM). Ihn interessiert an erster Stelle die skulpturale Qualität des Bildes: dessen Schritt für Schritt vorab konzipierter plastischer, nahezu bildhauerischer Aufbau. Bonfert modelliert mit Licht. Bei seiner geisterhaft "kopflosen" Aufnahme bewegt er dazu die Lichtquelle von den Schuhspitzen bis zum Jackenkragen auf einer Körperseite hinauf, auf der anderen herab. Anschließend wird der Stein angestrahlt.

Es geht dem Künstler nicht um surreale Effekte, aber deren psychologische Wirkungen reizen den Künstler. Von seinen Bildern geht eine geheimnisvoll melancholischer bis latent bedrohliche Stimmung aus: Es sind emotional ambivalente Verweise auf ein "memento mori", denn Fotografie zeigt Zeit. Bonfert bedient sich des Mediums wie ein Maler: Beim Malen mit dem substanzlosen Material Licht nehmen seine Einbildungen Bildform an. Immer wiederkehrendes Thema seiner konzeptionellen Bilder ist die Wahrnehmung, das Sehen selbst. Die Fotografien handeln von der Verschmelzung von Vorstellung und Darstellung. Sie nähern sich dem Sichtbarwerden dieses Prozesses soweit an, wie es nur dem Medium Fotografie möglich ist, denn in ihnen sind Lichthüllen zu sehen wie eine Ahnung gewesener Gegenstände, Personen und Situationen. Es sind Sinnbilder eines Zeitflusses, in dem sich menschliches Sein nur als Übergang darstellt.

Gleichzeitig erinnern sie an Gedanken, spielen mit Phantasie und Traum. Besonders deutlich wird dies bei seinen Serien der "Sehungen" (Auflage 7, 3000 Mark; Auflage 10, 1300 Mark). Dabei wirken die Pupillen als hellste Punkte eines Gesichts wie Spiegel. Bonfert macht so den Verlauf des Sehens sichtbar. Als zittrige, helle Fadenlinien kann man auf den Bildern seine Blickrichtung mitverfolgen und nachzeichnen. Als imaginäre Gedankenmuster formen sich konkret geometrische Verläufe, Dreiecke oder Spiralen ab. Gedankenblitze, die selbst in die Luft "geblickte" statt geschriebener Worte lesbar machen.Galerie & Projekte Mathias Kampl, Auguststraße 35, bis 20. Mai; Donnerstag und Freitag 14-18 Uhr, Sonnabend 12-19 Uhr.

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