Kultur : Eindrücke vom alljährlichen Weltwirtschaftsgipfel in Davos

Werner Mussler

Jedes Jahr Ende Januar, Anfang Februar zieht es die Großen dieser Welt in die gesunde Bergluft Graubündens, nach Davos zum World Economic Forum. Und sie kommen alle: Desmond Tutu und Bill Gates, Helmut Kohl und Elie Wiesel, Newt Gingrich und Vivienne Forrester. Mehr als 2000 Teilnehmer diskutieren auf der Mammut-Veranstaltung über die vielen Probleme der Welt - von den neuesten Entwicklungen des Management-Networkings in China über die Korruption in Nigeria bis zum ökonomischen Potential aserbaidschanischer Ölfelder. Die Tagungen drehen sich um so erhabene Themen wie "Prioritäten für das 21. Jahrhundert" oder "Verantwortliche Globalität".

Der amerikanische Journalist Lewis Lapham hat auf diesen Treffen so viel erlebt, dass er meinte, über seine Eindrücke ein Buch schreiben zu müssen. Mit ätzendem Witz beschreibt Lapham die Absurdität eines Kongresses, dessen Zweck offenbar darin besteht, dass kein Teilnehmer ihn durchschaut, auf dem sich aber jeder dieser Teilnehmer allein schon aufgrund der Tatsache bedeutend vorkommt, dass er daran teilnimmt. "Wenn Sie glauben, dass Ihnen der Sinn der ganzen Veranstaltung entgeht", zitiert Lapham einen altgedienten Teilnehmer, "dann machen Sie sich keine Sorgen. Der entgeht allen. Immer passiert gerade irgendwo anders etwas viel Wichtigeres."

Es ist der (scheinbar) naive Blick des (scheinbar) unbefangenen Betrachters, der das Buch zu einer kurzweiligen Lektüre macht. Lapham beobachtet eine Welt von Wichtigtuern, die sich in "erlesenen Euphemismen" über die Probleme der Weltwirtschaft ergehen, über "ökonomische Umstrukturierung und Unternehmensreorganisation" und "Harmonie in der Vielfalt" palavern, aber letztlich auch keine Antworten auf die von ihnen aufgeworfenen Fragen finden. Ein wenig bemüht wirken dabei die Analogien zu jener Davoser Kurklinik aus Thomas Manns Roman "Der Zauberberg", in der die Gäste dem körperlichen und geistigen Verfall anheimfallen.

Die zentrale Schwäche des Buches liegt woanders: Lapham will sich nicht auf einen amüsanten Stimmungsbericht über die Treffen jener beschränken, die "ungefähr 70 Prozent des weltweit täglichen Ausstoßes an Selbstbeweihräucherung" hervorbringen. Vielmehr unternimmt er es - das gebietet ihm wohl sein journalistisches Selbstverständnis -, auf knapp hundert Seiten eine Generalkritik jenes globalen Kapitalismus zu schreiben, dessen Repräsentanten ihm in Davos begegnen. So ein Vulgärverriss kann nur misslingen.

Sobald Lewis Lapham meint, grundsätzliche Systemkritik üben zu müssen, hat er außer einigen Plattitüden nicht viel zu bieten ("Alle Anwesenden hatten begriffen, dass die freie Marktwirtschaft ein anderer Name für Gott war"). Und weil der Autor sich nicht so recht entscheiden mag, ob er einen mit feinen Apercus gespickten Report schreiben oder generell über die Globalisierung herziehen will, kann sein Büchlein nicht überzeugen.Lewis Lapham: Die Agonie des Mammon. Aus dem Amerikanischen von Joachim Kalka. Europäische Verlagsanstalt / Rotbuch-Verlag, Hamburg 1999. 95 Seiten. 24,80 DM.

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