Kultur : Eine Abrechnung mit den "Konformisten des Andersseins"

Thomas Anz

Der paradoxe, polemische Titel fasst die Kernthese zusammen: Abweichungen von der Norm werden in bestimmten Milieus in einem Maße gesucht, dass sie selbst zur Norm werden. Das Ziel sei: "anders als alle anderen zu sein. Wir haben es also mit einer Spielart der Sei-spontan-Paradoxie zu tun: "Weiche vom Gewohnten ab!" Das Buch trägt den Untertitel "Ende der Kritik"; was hier, einmal mehr, verabschiedet wird, ist der geschmähte Typus des kritischen Intellektuellen. Die Linksintellektuellen sind die "Konformisten des Andersseins", die Bolz meint. Abgesehen davon, dass es sie so, wie sie als Popanze seiner Polemik beschrieben werden, kaum noch gibt, ist das Niveau, auf dem das Buch ihnen hämisch zu Leibe rückt, kläglich. "Konsens ist Nonsens": Mit solchen Sprüchen ist ihnen nicht beizukommen.

Die Alternativen zum linksintellektuellen Milieu, zu denen sich Bolz bekennt, nehmen nicht für ihn ein. Neben Carl Schmitt beruft er sich auf Harald Schmidt: Dessen Show "beweist, dass es intelligenten Unsinn gibt - ein Lachen, das ein Denken ist." Kritisches Denken hingegen macht keinen Spaß: Erschöpft von der "Akkordarbeit am Projekt der Moderne" haben wir Entspannung verdient. Die gewinnen wir, wenn wir das, was ist, bejahen lernen, statt es ständig kritisch zu hinterfragen. Kritiker sind Konformisten, kritisiert Bolz. Damit ist er selbst einer. Aus der Paradoxie der Normiertheit von Normabweichungen kann er sich auch nicht durch die Unterscheidung von "Konformisten des Andersseins" und "Nonkonformisten des Andersseins" befreien. Dem Rezensenten bleibt die Aufgabe, bei der Beurteilung ein gewisses Argumentationsniveau zur Norm zu erheben.Auch wenn man Originalitätsnormen verhaftet ist, kommt das Buch dabei nicht gut weg. Das ist abgestandene Postmoderne, die uns am Ende der Neunziger noch mal aufgetischt wird.Norbert Bolz: Die Konformisten des Andersseins. Ende der Kritik. Wilhelm Fink Verlag, München 1999. 202 Seiten, 38 DM.

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