Kultur : Eine Aura von Gemächlichkeit in der Inszenierung von Mozarts Don Giovanni

Sybill Mahlke

Lorin Maazel buchstabiert Note für Note und nimmt Mozart die SpringkraftSybill Mahlke

Die Szene ist ein Bahnhof. Er befindet sich in Salzburg und heißt Großes Festspielhaus. Wie die Zuschauer, so weiß auch der Gepäckträger-Statist, dass Don Giovanni neue Abenteuer sucht. Hier wartet ein Dienstmann mit dem Abtransport des Reisegepäcks geduldig vor dem Bahnwaggon, bis die eben angekommene, einst verlassene Geliebte ihren Kummer ausgesungen hat und Donna Elvira von Don Giovanni angesprochen wird: "Signorina!"

Der Regisseur Luca Ronconi bedenkt, dass der Titelheld schon jetzt kein junger Draufgänger mehr ist, und der Dirigent Lorin Maazel, der die Mozart-Partitur mit Tendenz zum Verweilen buchstabiert, gibt ihm Recht. Nur keine Hast. Etwa, wenn Leporello mit "non voglio più servir" den DomestikenAufstand probt - Zigarette rauchend, die Hand lässig in die Hüfte gestützt! Eine werkfremde Aura von Gemächlichkeit lastet auf der Festspielaufführung des "Don Giovanni". Mit zerrissenem Nachtgewand, wie eine derangierte blonde Barbie, klammert sich Donna Anna an ihren Verführer, während gänzlich unaufgeregt der Komtur einschreitet, die Ehre der Tochter zu retten. Das Unternehmen endet böse, in diesem Fall durch einen Messerstich, während befrackte Diener stumm herumblicken.

Uhren spielen eine auffällige Rolle im Bühnenbild von Margherita Pallis. Sie zeigen unterschiedliche Zeiten an, am Bahnhof beansprucht eine Digitaluhr die Aufmerksamkeit für ihre Sekundenzählung. Hätte E.T.A. Hoffmanns Theaterbesucher diesem mit Requisiten der Jetztzeit bestückten Abend beigewohnt, wäre der Dichter wohl kaum zu seinem romantischen "Don Juan"-Bild gekommen. Donna Anna fasst eine verzehrende Neigung zu Don Juan, obwohl er der Mörder ihres Vaters ist. Von dieser Hoffmann-Novelle zehrt die Geschichte der Mozart-Interpretation.

Hier hat nun Leporello den Eisenbahnwagen mit ein paar jener Mädchen voll geladen, von denen des Dieners Registerarie spricht. Die magische Zahl der - "gia milletre!" - tausendunddrei Eroberungen in Spanien, die Weite von Giovannis reuelosem Lebensstil verschwindet in unserer Fantasie, da nur wenige gepuderte Damen hinter den Abteilfenstern Platz haben.

Männer polieren an dem Auto des Bräutigams Masetto, unter dem noch ein Mechaniker liegt. Da trippeln die Frauen um Zerlina herein. Spontan nimmt die Braut im weißen Cabrio Don Giovannis Platz, ohne dass es weiterer Verführungskünste des Helden bedarf, das glänzende Auto reicht zum Glücklichsein. Statt des "Là ci darem la mano" hätte er ihr auch aus dem Telefonbuch vorlesen können.

Dass Don Giovannis Zeit passé ist und wir also einem Playboy in den zweit- oder drittbesten Jahren begegnen, gibt uns die Regie hier immer wieder zu verstehen. Fahrzeuge von der grünen Bahn über Automobil-Oldtimer, einen Paternoster, Zerlinas Fahrrad bis zum Rollstuhl des Titelhelden, in dem er den Besuch des Steinernen Gastes empfängt, sprechen vom Verrinnen des Lebens wie die Uhren und die einleuchtenden Kostüme, die Marianne Glittenberg entworfen hat. Mit Giovanni altern während der Handlung die Figuren um ihn herum, werden Elvira und Anna zu Matronen und Zerlina zur Mutter dreier kleiner Kinder. Offenbar hält niedriger Stand länger jung. Elviras ungebrochene Liebe im weißen Haar - ein optisches Moment, das anrührt.

Modernistisches aber tut wirklicher Moderne nicht gut. Was helfen Frack und Digitalziffern im "Don Giovanni", wenn die Personenführung eher rückwärts geht. Auch der Katafalk mit dem Leichnam des Komturs wird auf Rädern hereingefahren, aber der Trauerkondukt hält unmotiviert an, um den Dialog um Giovannis Schuld abzuwarten.

Ein Sarg ist kein Möbel wie alle anderen. Ronconi erlaubt, dass die Akteure ihn ohne die natürliche Scheu behandeln. Und Maazel läßt zu, daß Karita Mattila als Donna Anna, noble Stimme, die Rachearie gänzlich undramatisch und Bruce Ford als ihr Partner Ottavio die seine von "ihrem Frieden" raunend an der Rampe singt.

Der Tempowechsel in der zweiten Arie der Donna Anna findet ohne Affekt-Wechsel zwischen Schmerz und Hoffnung statt, während die Elvira in Gestalt Barbara Frittolis ebenso wie die Holzbläser der Wiener Philharmoniker sich durch ihre Achtelkoloraturen arbeiten, als ginge es nicht um die Seele eines leidenden Mädchens, sondern nur um laufende Meter Musik. Alle sind schließlich wegen ihrer erfolgreichen Stimmen nach Salzburg gekommen, so auch Dmitri Hvorostovsky in der Titelrolle, Franz Hawlata als Leporello, Detlef Roth als Masetto und Maria Bayo als Zerlina. Und doch gelingt es in dieser Konstellation keiner der Personen, den Zuschauer mit ihrem Schicksal, ihrem Trotz, Stolz, Schmerz, ihrer Demütigung, ihrem Trost zu bewegen.

Seltsam geht es auch auf dem Schloss zu, einer Art von Fabrikhalle, wo eine partygeschädigte Gesellschaft die "Champagner-Arie" des Gastgebers glatt verschläft und, endlich auf seinen Wink geweckt, sich sogleich am Boden paart, wie die Kleindarsteller in einem jugendfreien Venusberg. Der Auftritt des Steinernen Gastes überrascht wenig, weil der Komtur schon als Standbild auf dem Kirchhof live singend zu beobachten ist. Durch Robert Lloyd als Commendatore wächst dem Finale noch ein wenig Spannung zu, worauf der entzauberte "Don Giovanni" sein Publikum ungewöhnlich schnell in die laue Salzburger Nacht entläßt. Gerard Mortier hat hiermit eine Produktion durchgehen lassen, um die zu streiten sich nicht lohnt.
© 1999

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