Kultur : Eine Ausgrabung zu seinem 50. Todestag

Stephan Reinhardt

"Soweit sie es können", verfügte der Lübecker Steuersenator Thomas Johann Heinrich Mann Ende Juni 1891 in seinem Testament, "ist den Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer s.g. literarischen Tätigkeit entgegenzutreten." Es "fehlen ihm die Vorbedingnisse: genügendes Studium und umfassende Kenntnisse. Der Hintergrund seiner Neigungen ist träumerisches Sichgehenlassen, vielleicht aus Mangel an Nachdenken." Als der Vater im Oktober starb, schrieb der Sohn, Heinrich Mann, seinen ersten Roman: "In einer Familie". Seine Mutter Julia Mann zahlte dem Münchner Verleger Eugen Albert 500 Mark für den Druck.

Seinem Erstling stand Heinrich Mann kritisch gegenüber. Er sei, schrieb er drei Jahre vor seinem Tod 1947 an den langjährigen Briefpartner Karl Lemke, "nicht gereift. Der Verfasser war 1893 selbst nicht reif, einen Roman zu schreiben. Der innere Anlass wird auch gefehlt haben. Nur der Beschluss zu schreiben war da." Weder die Klage des Vaters noch die Selbstkritik Heinrich Manns werden jedoch seinem literarischen Debüt gerecht. Erstaunlich ist vielmehr, wie gedankenreich der 22-jährige mit seinem Metier umgeht: der Beschreibung seelischer Vorgänge. Angelehnt an eine Vorform psychologischen Erzählens, an Goethes "Wahlverwandtschaften", entwickelt Heinrich Mann eine klassische Dreiecks- bzw. Vierecksgeschichte. Sie beginnt am Mittagstisch im bayrischen Kurbad Kreuth. Hier kommen Kurgäste ins Gespräch: Erich Wellkamp und Major a. D. von Grubeck und dessen Tochter Anna; nach vier Wochen Bekanntschaft findet Wellkamps Verlobung mit Anna statt.

Heinrich Mann zeigt die Verlobten als Gegensätze, sie eine "eigene, geschlossene Persönlichkeit", aufrichtig, loyal, wenn auch trocken und naiv - er feinfühlig und willensschwach. Bereits in der 1890 geschriebenen autobiografischen Novelle "Haltlos" hatte er einen schwächlichen, nervösen Helden in den Mittelpunkt gestellt. In seinem ersten Roman lautet das am häufigsten gebrauchte Wort "nervös": Ausdruck dessen, was er als "Krankheit des Willens" beschreibt.

Nervosität oder Neurasthenie, so hat Joachim Radkau kürzlich in seiner mentalitätsgeschichtlichen Studie "Das Zeitalter der Nervosität" dargestellt, war seit 1880 ein viel diagnostiziertes Phänomen, in dem der Konflikt zwischen alten Lebensgewohnheiten und der Beschleunigung durch Modernisierungsprozesse kulminierte. Als weitere Vorlage für "In einer Familie" diente Heinrich Mann der französische Journalist und Schriftsteller Paul Bourget, Mitbegründer chauvinistischen "Action française". Dessen Schriften weidete er, wie Klaus Schröter in seinem Nachwort erklärt, aus. Wie Bourget beschreibt auch Heinrich Mann die Ambivalenz der Moderne als Krankheit.

Das Pendant zum entscheidungsschwachen Wellkamp, der allein vom Vermögen seiner Mutter lebt, ist Dora, die weit jüngere Frau des Majors von Grubeck. Stets im Umgang mit dem anderen Geschlecht bestrebt, es sich moralisch zu unterwerfen, hat sie den Major geheiratet - eine freudlose Mesalliance, in der sie ihren Gatten "sogar verachtete und hasste". Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als Anna und Wellkamp, inzwischen verheiratet, eine Wohnung beziehen, die direkt neben der von Stiefmutter und -vater liegt. Das Einverständnis zwischen Wellkamp und Anna wird brüchig. Er stößt sich an der "übergroßen Einfachheit ihrer Natur". Auch ihre politischen Ansichten sind entgegengesetzt. Während sich der konservative Wellkamp ebenso gegen die "Pöbelherrschaft des Geldes" wie gegen die "reelle handgreifliche Pöbelherrschaft" des Proletariats wendet, liest Anna "sozialistische Schriften". In "idealistischer Gerechtigkeitsliebe" nimmt sie "die neue, weltliche Religion" in sich auf. Da Annas Wesen und Denken für Wellkamp "zu wenig Unausgesprochenes" und "Rätselhaftes" bergen, wendet er sich von ihr ab und Dora zu. Beide eint ihr Hang zum Geheimnisvollen und Mystischen, zur Musik Richard Wagners. Als Wellkamp gemeinsam mit Dora eine Aufführung des "Tannhäuser" besucht gibt er ihr unter dem Eindruck der Wagnerschen Musik seine Liebe zu erkennen.

Heinrich Mann stellt eine "große Leidenschaft" dar - und ebenso differenziert ihr Scheitern. Dora und Wellkamp haben einander nur benutzt, und so bleibt von ihrer Liebe zuletzt nur noch Sadomasochismus. Auch wenn dieser Erstling stilistische Schwächen aufweist, eine zuweilen umständliche Syntax und Manierismen: Die Schilderung seelischer Zustände und des Geschlechterkampfes ist unverbraucht. "In einer Familie", Heinrich Manns anlässlich seines 50. Todestages am heutigen Sonntag erstmals seit 1924 wieder aufgelegter Roman deutet schon den großen republikanischen Erzähler an, den Autor des "Professor Unrat", des "Untertan" und des "Henri IV."Heinrich Mann: In einer Familie. Roman. S. Fischer, Frankfurt/M. 2000. 320 S., 44 DM.

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