Kultur : Eine Ausstellung im Verborgenen Museum Berlin entdeckt die Malerin Ida Gerhardi

Katrin Bettina Müller

Schon kurz nach ihrer Ankunft in Paris 1891 schrieb die Kunststudentin Ida Gerhardi begeistert an eine Freundin über ihr "jetziges Leben, in dem ich gerade das tun darf, ungehindert, frei, nach Herzenslust, was mir am meisten Freude bereitet". Paris bot der 28-Jährigen endlich die Möglichkeit, die klassischen Fächer der Malerei - Landschaft, Akt, Porträt - an der privaten Académie Colarossi zu belegen, von denen zumindest der Akt den Frauen in Deutschland kaum zugänglich war.

Zudem traf Ida Gerhardi in ihrer Zimmernachbarin Käthe Kollwitz eine Kollegin, die sie, angetrieben von einem ähnlichen Hunger auf das Leben, in Ballsäle und Cafés begleitete. Dort, erinnerte sich Kollwitz später, war die "Abend für Abend" mit ihrem Skizzenblock einrückende Gerhardi bald eine so vertraute Gestalt, dass ihr "die Kokotten ihre Sachen zur Aufbewahrung" gaben. Ihre Augen und ihre Hand tanzten mit, wenn Can-Can-Tänzerinnen die Beine warfen und Arbeiter ihre Partnerinnen über das Parkett schoben.

In Paris blieb die Westfälin über zwanzig Jahre, bis eine schwere Lungenentzündung sie 1913 zur Aufgabe ihres Ateliers zwang. Viele ihrer "Tanzbilder" zeigt jetzt das Verborgene Museum. Auf dunkelgrundiger Pappe läßt sie eine dampfende und gedrängte Welt leuchten, wie sie nur im Schein des künstlichen Lichts entstehen kann. An Emporen und Balkonen vorbei gleitet der Blick tief ins Gewimmel. Rote Hüte und weiße Unterröcke blitzen. Mehr und mehr übernehmen die Farben die Regie.

Die Nähe zum Impressionismus spürt man in der Hingabe an das rauschhafte Erleben. Gerhardis Formate sind klein, die epische Fülle schon zur Erinnerung verdichtet. Größer und repräsentativer malte sie Porträts, mit sachlicher Zurückhaltung: von dem Maler Christian Rohlfs, dem Freund und Komponisten Frederick Delius und ihrer Mäzenin Bertha Stoop, die sie auch bei Einkäufen in der Pariser Mode beriet. Das schönste Porträt der Ausstellung aber ist ein dunkles Selbstbildnis, das im Gestus der Striche Figur und Raum verschmelzen lässt: So bei sich angekommen sehen nur wenige Künstler sich selbst.

Doch nicht nur mit Porträtaufträgen bemühte sich Gerhardi um Professionalisierung. Sie organisierte in Paris und Berlin Ausstellungen von in beiden Ländern lebenden Künstlern. In Deutschland wurde ihre Malerei teils als zu französisch und leichtfertig bewertet. Eine Frau mit Talent, mehr gestand man ihr nicht zu. Dabei war sie in der eigenständigen Umsetzung des impressionistischen Konzepts vielen Malern voraus, die später auf dem deutschen Markt Erfolg hatten. Heute gehört das Leben im Ausland als fester Bestandteil in eine jede künstlerische Vita. Vor hundert Jahren bezahlten Künstlerinnen den Mut, ihr Leben nach der Kunst zu richten, noch oft mit großer Isolation.Verborgenes Museum, Schlüterstraße 70, bis 30. Januar; Donnerstag bis Freitag, 15 - 19 Uhr, Sonnabend, Sonntag 12 - 16 Uhr.

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