Kultur : Eine Ausstellung in der Berliner galerie parterre

Klaus Hammer

Eine fast mediterrane Motivwelt strahlt aus ihrer Malerei. Erdbilder, Mauerbilder, Wetterbilder, gemalt mit Bienen-und Kerzenwachs, Kalk, Erde, Asche, Farbe und Pigmenten. Archaische Landschaften als Schöpfungs- und Untergangslandschaft zugleich. Man denkt unwillkürlich an die Textur einer Landschaft, wie sie ein Flug vermittelt. Eindrücke ihrer Reisen - nach Zypern, Sinai, Nordafrika und Indien - sind verarbeitet. Doch der Eindruck einer Landschaft wird nicht aus der Natur abstrahiert, sondern entsteht im Aufbau von Flächen und Raumstrukturen, im Ritzen und Kratzen von Zeichen, Hieroglyphen und Symbolen, im reliefhaften Farbauftrag, die einer Naturgesetzlichkeit entsprechen. Ein freies Spiel mit Bildelementen, die keiner abbildenden Absicht mehr zu dienen brauchen. Gegenständliches wird - wie in einem Mosaik - in leuchtende Farbigkeit aufgelöst.

Veronika Wagner ersetzt die Ölmalerei durch einen erhabenen Farbauftrag, Farbpasten, die etwas vom Relief haben, tief geriefelt, geritzt und voller Schrunden, Risse und Brüche. Die Farbe legt sie dann oft nur als dünne Lage darüber. Den Kontrast von schwindelerregendem Abgrund und hohen Felswänden gibt sie in panoramahaften Ansichten wie in Nahaufnahmen wieder. Spiegelklar gefrorene Seen liegen unbeweglich in ihrem steinigen Bett. Gletscher mit ihren silbrigen Graten erinnern an abgestorbene Planeten. Oder Akte, wie auf Fresken aus dem Putz hervortretend, durch die sich verwischende Materie und Farbe von stumpfer Wirkung, aber von um so stärkerer psychogrammatischer Dichte. Sich verändernde, auflösende, zersetzende Gegenstände. Die Dinge scheinen im Begriff, ihre Konturen aufzugeben und andere anzunehmen.

Auch die mit Erde und Asche gemalten, mit Stoffen (Kleidungsstücken, Verbandsmull) collagierten Materialbilder sind so Gleichnisse von der Verwundung und Bedrohung der Welt, die zugleich etwas Geheimnisvolles, Tröstliches und Wundersames bergen. Verwehende Figuren wie Schattenbilder, geradezu vexierbildhaft formen sich die Gesichter aus dem Äderwerk der Bildhaut. Beim Tuch der Veronika aus Mull, Bindfäden und Asche entsteht ein ikonengleiches Selbstporträt. Objektbilder, Reliquienschreine, die biblische Themen mit aktuellem Endzeitbewußtsein assoziieren, Kultgegenstände einer sich verabschiedenden Zeit. Titel wie "Ostia", "Habakuk", "Aphrodite" oder "Alpha - Omega", wo es um den Kreislauf von Leben und Sterben geht, sind Angebote an den Betrachter. Ähnlich wie Kurt Schwitters hat Veronika Wagner aus realen Abfallprodukten Collagen geschaffen, die nicht nur durch die Bedeutungslosigkeit des Materials, sondern ebenso durch den Zufall als Herstellungsverfahren charakterisiert sind. Ihr Sinn ist die Wiederzusammensetzung des Bildes der Welt aus ursprünglich aus inhaltlich heterogenen Materialien.galerie parterre, Danziger Str. 101, bis 16. Januar; Mittwoch bis Sonntag 14-20 Uhr

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