Kultur : Eine Ausstellung mit Stacheln in der Berliner Galerie Fahnemann

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Fasanenstr. 61, bis 6. 11.; Mi.-Fr. 15-18 Uhr, Sa. 12-14 Uhr.ph

Der Galerist Fahnemann hat kürzlich darauf hingewiesen, dass es auch in Charlottenburg noch Galerienausstellungen gibt, die der Rede wert sind. Der Zwischenruf war nötig. Denn seit sich in Mitte alle Kräfte konzentrieren, ist Berlins traditionelle Kunsthandelsgegend in Vergessenheit geraten. Überdies widmen sich viele Charlottenburger Galerien etablierten Künstlern, die Ausstellungen wie normale Geschäftsvorgänge erscheinen lassen. Das gilt auch für Günther Förg, zu dessen Produktion es keinen Gedanken gibt, der nicht schon hundert Mal wiederholt worden wäre. Förg ist auf dem Weg, ein frühreifer Klassiker zu werden. Wer von ihm Werke besitzt, hat daran Anteil. Mehr wäre nicht zu sagen, gäbe es nicht eine Episode, die sich dem Kritiker ins Gedächtnis prägte. Während eines Besuchs bei einer Sammlerin in Houston erzählte ihm die Hausherrin, wie sie zu einem Bild von Ross Bleckner kam. Sie hatte im Entrée zwei Bleibilder von Günther Förg platziert, bis ein Freund sie besuchte und sagte: "Sie haben Förg? Wissen Sie denn nicht, dass er in Deutschland auf die Tische steigt und Naziparolen ruft?" Die Sammlerin zog Erkundigungen ein. Und als sie den Verdacht bestätigt hörte, tauschte sie Förg gegen einen "Angel" von Bleckner. Sie fürchte böse Geister, schloss sie ihre Geschichte ab.

Es ist jetzt nicht zu entscheiden, ob den Bleibildern die verbalen Exzesse anzusehen sind, die Kippenberger, Büttner, Förg in Köln als "Beleidigungsprogramm" aufführten. Wolfgang Max Faust hatte ihnen Ende der Achtziger im Aufsatz "Der Künstler als exemplarischer Alkoholiker" den "Stil deutscher Stammtischproleten" bescheinigt und in den "Heil-Hitler-Nummern" die ungezügelte Selbstverwirklichung deutscher Kleinkariertheit erkannt. Kunsthändler beeilen sich, solcherlei Entgleisungen zu historisieren. Denn die Erfahrung zeigt, dass bei Sammlern das Werk allein nicht alles ist. Sie suchen die Handschrift, das Persönliche, das Subjekt der Tat. Wäre die Idee der Autorschaft tot, wie es einige behaupten, würden manche Sammler zu kaufen aufhören. Sie unterstützen das handelnde Subjekt, das sich im Werk kristallisiert. Die letzte Instanz ist für sie der Künstler. Er gilt als Statthalter der Subjektivität, was zwar eine Idee aus dem Geniekult des 19. Jahrhunderts, aber bei Kaufinteressen von Bedeutung ist. "Ein Förg-Bild steht niemals für etwas anderes", schreibt nun Susanne Prinz im Katalog. "Es ist weder Statthalter einer subjektiven Weltvorstellung, noch dient es der Erziehung des Publikums". Man müsse ein Förg-Bild als "reale lebendige Form" sehen. Es ist Ereignis aus Geometrie und Farbe, das seine Quelle in der Kunst hat, die jenseits von Förgs Idiosynkrasien existiert. Aber offenbar sitzt der skandalisierende Stachel so tief, dass Kunsthistoriker sich bemühen, ihn indirekt mit der Behauptung des autonomen Status der Kunst zu ziehen, obwohl die Autonomie der Kunst das mittlerweile Bezweifelbarste ist. Klassiker zu werden, ist schwer. Es dauert, bis alle Stacheln gezogen sind.Galerie Fahnemann, Fasanenstr. 61, bis 6. 11.; Mi.-Fr. 15-18 Uhr, Sa. 12-14 Uhr.
© 1999

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