• Eine Ausstellung über Phänomene der Vergangenheit und Gegenwart im Kasseler Fridericianum

Kultur : Eine Ausstellung über Phänomene der Vergangenheit und Gegenwart im Kasseler Fridericianum

Vanessa Müller

Silvester-Countdown auf allen Kanälen - es liegt vermutlich am Millennium, dass der Faktor Zeit so vehement in den Fokus der Wahrnehmung rückt. Doch was ist die Jahrtausendwende eigentlich anderes als eine willkürliche Setzung im unaufhaltsamen Fluss der Zeit, ein exponierter Punkt in einem auf abstrakten Zahlen basierenden System? Allein das Diktat der Chronometer und Kalender verleiht der Zeit, die selbst ganz und gar unsichtbar bleibt, ihre alles beherrschende Struktur. Und gerade deshalb ist es vielleicht die Kunst, die jenseits aller messbaren Objektivität die besseren Ideen entwickelt, das widerspenstige Phänomen einer ständig Vergangenheit werdenden Gegenwart auf den Punkt zu bringen. Die Trilogie von Sein, Werden und Präsenz ist schließlich jedem Kunstwerk inhärent.

Als konkrete Manifestation von "Chronos und Kairos", so der Titel der aktuellen Ausstellung im Kasseler Fridericianum, ist die Kunst in ihrer sinnlichen Anschaulichkeit jeder Uhrzeiger-Logik überlegen. Real- und Lebenszeit, lineare und zyklische Zeit, abstrakt messbare Zeit und subjektives Zeitempfinden, so dekliniert sich "Zeit" im Vokabular der zeitgenössischen Kunst. Sichtbarkeit erlangt sie als Spur des Dagewesenen, als Transformationsprozess, als dokumentierte Lebenszeit, filmische Realzeit und Performance-Zeit. Chronos, das ist die antike Personifikation der unaufhaltsam verfließenden Zeit, Kairos hingegen der Gott des rechten Augenblicks.

Fridericianum-Direktor René Block hat diese Phänomenologie in seiner groß angelegten Schau geschickt eingespannt zwischen die Pole Fluxus und aktuelle Gegenwartskunst und das Prozessuale des 60er-Jahre-Aktionismus neben eine Medienkunst gestellt, die den Faktor Zeit per se in sich trägt. So stehen Performance-Videos und frühe "Video-Buddhas" von Nam June Paik neben Sam Taylor-Woods filmischer Studie zum Thema Langeweile, Diter Rots "Schokoladenplätzchenbild", das seit 1969 leise vor sich hinschimmelt, neben Mariko Moris Blick in die Kristallkugel der Zukunft und Andy Warhols "Empire". Klassiker des Genres Zeit-Kunst sind mit On Kawaras Aufschreibesystemen sowie Hanne Darbovens nüchterner Registratur der permanenten Sukzession präsent. Darren Almond hat "Eine größere Uhr" entworfen, bei der sich jede Minute auf der überdimensionalen Skala lautstark in Erinnerung ruft.

Doch eigentlich sind es die Fotografie und der Film, in denen die Zeit als konservierter Augenblick genuinen Ausdruck findet, sowie die Musik, in der ihre Vergänglichkeit deutlich wird. Marijke van Warmerdam zeigt in ihrem Film "Skytypers", wie Flugzeuge Kondensstreifen in den Himmel schreiben als sichtbares Zeichen ihrer flüchtigen Präsenz. In den Porträtserien von Hans Peter Feldmann wird hingegen ganz klassisch das Foto als Ausweg aus der Suche nach der verlorenen Zeit inszeniert. John Cages musikalische Versuchsanordnungen erheben demgegenüber die unendliche Wiederholbarkeit zum konzeptuellen Programm.

Wo jeder Besucher Schallplatten auflegen kann, formiert sich die atonale Symphonie der Tonträger immer wieder neu als momenthaftes Kunstwerk in der Zeit. Doch der Alltag ist anders: Die Berliner Künstler Nina Fischer und Maroan el Sani präsentieren in ihrer Videoinstallation "millenniumania" Aufnahmen von Fußgängern aus aller Welt, die eilig durch die Straßen hasten. Von akuter Zeitnot bedroht, bewegen sich diese Passanten, deren Durchschnittsgeschwindigkeit jeweils eingeblendet wird, hastig durch das Koordinatenfeld der Stadt. "Take your Time!" fordert deshalb der unterhalb einer Uhr angebrachte Schriftzug von Ben Vautier, so als könne man der Logik des Chronos seine private Zeitvorstellung entgegensetzen. Aber vielleicht reicht es für den Anfang ja, der Zeit einfach etwas gelassener zu begegnen. Zumindest wurden die Öffnungszeiten des Museums modifiziert: Das Fridericianum schließt jetzt nicht exakt um 18 Uhr, sondern ein wenig später, fünfzehn, zwanzig Minuten vielleicht, so dass wenigstens die Kunst dem Diktat der Zeit temporär entkommen kann.Fridericianum Kassel, bis 7. November.

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