Kultur : Eine Austellung im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum

Aureliana Sorrento

Fleisch wie ein regenbogenfarbenes Spitzenklöppelwerk. Gesichter, die aus der wunderlichen Kongruenz von roten, weißen, blauen, azurenen, violetten, grünen und gelben Flecken entstanden. Münder, wie aus Holz geschnitzt, rot, erdbraun übermalt. Augen wie Fallgruben, in die man hineinsegelt.

Xenia Hausner malt Menschen, als würde sie sie erst erschaffen. Etwa so wie Michelangelo Buonarroti sein Mythenvolk aus dem Marmor herausschlug. Ihre Materie ist jedoch die Farbe, für deren Handhabung sie bei Kirchner, Schmidt-Rottluff, Kokoschka und Nolde in die Lehre gegangen ist.

Mit Schwung trägt sie das Acryl-Pigment über die ganze Bildfläche auf, mal tüpfchenweise, mal flächig, mal dicht, mal durchlässig, so dass die Unterschichten schlierig hervorbrechen. Sie sucht die Kontraste, den Glanz und die Fülle. Ihre Räume sind Kasematten des Lichts, die Menschen darin leuchtende Kolosse. Fast wäre man versucht, von einem Jüngsten Gericht der Farbe zu sprechen, die aus den Gräbern aufersteht. Oder schlicht von Schönheit - unzeitgemäß. Nur das Wort "verstaubt" würde einem nicht über die Lippen kommen. Manchmal kann das Unzeitgemäße eine Flucht nach vorne sein.

Mit dreißig Bildern von Xenia Hausner zeigt nun das Käthe-Kollwitz-Museum zum ersten Mal das Werk einer lebenden Künstlerin. Auch für Hausner handelt es sich um eine Premiere: Die Schau im Charlottenburger Haus ist die erste Berliner Einzelausstellung der Wienerin, die seit 1992 in Berlin lebt. Damals kehrte sie einer erfolgreichen Karriere als Bühnenbildnerin den Rücken, um sich ausschließlich der Malerei zu widmen.

Dass sie vom Theater kommt, wird immer wieder als ein ihr Schaffen prägender Umstand hervorgehoben. Sicherlich spielt Hausners langjährige Arbeit am Theater immer noch eine große Rolle in der Wahl ihrer Sujets. Theaterleute porträtiert sie mit Vorliebe. In der gegenwärtigen Ausstellung kann man Claus Peymann, Elfriede Jelinek und Peter Turrini in ihren berühmtesten Posen beäugen. Ebenso wenig lässt sich das Szenografische in Hausners Gemälden selbst verleugnen. Voll Bedacht sucht sie die Kulisse aus, in der sie ihre Modelle platziert, wie auch die Gegenstände, die sie umgeben. Wenn sie aber etwa Claus Peymann vor einem Fenster porträtiert, über dem ein Vorhang weht und in dessen Rahmen ein azurblauer Himmel, eine Winde und ein bunter Drachen zu sehen sind, tut sie - mit einer Prise liebevoller Ironie - nichts anderes als seinerzeit Tizian, wenn er Karl den Fünften auf betroddeltem Ross mit Speer darstellte. Mit Sinn und Zweck der Requisiten ist die Porträtkunst längst vertraut: eine Jahrhunderte alte Tradition, die Xenia Hausner mit Bedacht aufgreift.

Theatralisch könnte man außerdem die Komprimierung der Zeit nennen, die sie in ihren Bildern vornimmt. 1992 malte sie eine fragile Gestalt: "Renate Anker". Das Bild sticht wegen der realistischeren Machart und des sanfteren, zurückhaltenderen Malduktus von den anderen Exponaten ab. Eine alternde Schönheit sitzt auf roten Polstern. Weißrosa das Kolorit, kornblumenblau die Augen, , die Schulter etwas vorgebeugt, ein Arm an die sich weich wölbende Lehne gestützt. Entspannt, matt und starr sieht sie aus. Zugleich lassen Miene und Haltung erahnen, was sich vor dem dargestellten Zeitpunkt abgespielt haben muss: ein Geschehen, das zu erblicken einem jedoch verwehrt wird. Geballte Dauer, geballtes Drama, und am Ende ein schwarzes Loch. Anders als im Theater wird dem Zuschauer das Geschehen nicht verraten.

Manchmal gibt es Andeutungen. Wie dort, wo sich zwei Liebende fest umschlingen, oder in "Liebestod", wo eine Frau am Krankenbett des Mannes zu sehen ist. In "Nachthunger" lümmeln zwei Frauen in einem opulent mit Kissen und Decken ausstaffierten Bett. Die eine zurückgelehnt, als würde sie gerade erwachen, die andere halb aufgerichtet, wie im Aufstehen begriffen. Hier sind Ruhe und Bewegung, Dauer und Zeitpunkt auf Gesten zurückgeführt. In der Regel aber scheinen Vorher, Nachher und Dazwischen in die Farbtextur der Bilder übergegangen zu sein. Im Gewirr von Strichen und in der Hektik der Tupfen, im raschen Schwenken der Malrichtung oder in der Stille ausladender Farbbahnen liegt das Seismogramm der Ereignisse verborgen.

"Kampfzone" hat Xenia Hausner ihre Wanderausstellung genannt, weil sie die Malerei als Auseinandersetzung mit sich selbst, das Bilndnis als Auseinandersetzung mit dem Abgebildeten begreift. Liest man im fein bebilderten Katalog die Sitzungberichte der Porträtierten und die Schlussnotiz der Malerin, zeichnet sich der Entstehungsprozess der Bilder als schwelender Machtkampf ab. Ein Machtkampf allerdings, der die Spielregeln der Leidenschaft befolgt. Über mehrere Sitzungen wartet die Künstlerin auf den Moment, wenn das Modell, von der Pose zermürbt, in seine natürliche Haltung verfällt. Das Bild, das schon die Zeit der Erwartung gespeichert hat, fängt jetzt die plötzlich eintretende Intimität ein. Ob daher die unheimliche Konzentration dieser Bildnisse rührt, der Eindruck eines Zeitraffers, der einem das Entscheidende vorenthält?

"Kampfzone" - das gilt auch für den Betrachter. Für ihn sind Xenia Hausners Gemälde wie das rote Tuch für den Stier. Unwiderstehlich und äußerst gefährlich: Ums Verrecken schön, wortwörtlich. An die Schönheit sind wir ja nicht mehr gewöhnt.Käthe-Kollwitz-Museum, Fassanenstr. 24, bis 26. Juni; Mittwoch bis Montag 11-18 Uhr. Katalog 58 Mark. Ausstellung in der Galerie Picture Show, Oranienburger Str. 27 ab 13. Mai bis 12. Juni. Eröffnung 12. Mai, 19 Uhr.

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