Kultur : Eine Begegnung mit dem Moskauer Schriftsteller und Pop-Star Viktor Pelewin

Rafael R. Pilsczek

Er gibt keine Interviews, hatte es geheißen. In Moskau jedoch erweist sich das als Gerücht über einen Schriftsteller, der mit 36 Jahren in Russland ein Popstar ist und auch in Deutschland längst enthusiastische Leser hat. Pünktlich um 14 Uhr an einem Donnerstag holpert der Einmeterneunzig-Mann ins Edel-Café "Tram" in der Nähe des Moskauer Puschkin-Kinos. Viktor Pelewin trägt ein verwaschenes Karohemd. Er ist unrasiert, verschwitzt und bestellt sich gleich einen von drei halben Litern schweren russischen Biers. Im Stakkato beginnt er auf Englisch einen Assoziationsmonolog, der so rasant ist wie die Erzähltechnik in seinen bisher fünf Büchern und über 50 Erzählungen. Sein Mundwinkel zittert, als er von der Affäre mit einer gleichaltrigen Frau erzählt, mit der er seine Freundin letzte Nacht betrogen hat. Seine Augen fordern Beifall, als er den Nike-Werbespruch "Just do it!" in "Do it yourself, Motherfucker!" umdichtet. Und sein Brustkorb bebt, als er inhaliert und die schöne Story der teuren "Parliament"-Zigaretten erzählt, die seit dem Beschuss des Weißen Hauses zur beliebtesten Marke wurde, weil die Russen mit ihnen zeigen wollten, dass russische Politik nichts als Asche sei.

Im Sowjetreich hätte man so einen Mann entweder in die Psychiatrie verschickt oder ins Exil getrieben. In den Neunzigern dagegen wird man auch in Russland zum Star. In Pelewins Büchern dreht sich alles um Mythen, Mystik und den Wissensbestand einer US-amerikanisch geprägten Weltkultur. Die sei in den letzten Jahren bis ans hinterste Ende des russischen Reiches vorgedrungen. Sein erster Roman "Omon hinterm Mond" (1994) behandelt den russischen Schlüsselmythos Weltraumfahrt als Selbstzerstörungssystem. "Das Leben der Insekten" (1997) ist eine Realsatire auf die Neuen Russen und ein Exempel für den Welt-TV-Talk-Stil.

Pelewins dieses Jahr auf Deutsch erschienener Roman "Buddhas kleiner Finger", besprochen im Literarischen Quartett und gepriesen von den Kritikern der SWR-Bestenliste, ist pure Popliteratur. Die abenteuerliche Geschichte des Petersburger Avantgardisten Petja bietet: Bürgerkrieg, Saufgelage, Sex und Zitate aus Film, Musik und Literatur. Dazu fehlt auch nicht ein ausgefeilter Überbau. Hier ist das die Diskussion über den legendären Divisionskommandeur Tschapajew, eine der bis heute nachwirkenden Ikonen sowjetischer Geschichte. Im Kern aber geht es bei Petjas imaginärer Biografie um die alte Frage "Wer bin ich?"

Pelewin selbst ist Quartalssäufer und zugleich ein Profi, der Termine einhält. An diesem Nachmittag macht er sich auf den Weg zu seinem Verlag. Bevor er ein Privat-Taxi anhält, klappert er drei Kioske nach Bier ab. Vor dem Besuch beim Verlag, der eine Sammlung seiner Bücher herausgeben will, erwähnt Pelewin vier Mal, daß er sehr nervös sei. Heute entscheide sich, ob sein Cover-Vorschlag umgesetzt werde: der US-Army-Anwerber mit Ché-Guevara-Kopf, Pepsi-Symbol auf dem Barett und dem Mafia-und Hip-Hop-Handzeichen, drei gespreizte Finger. Da er eine halbe Stunde zu früh kommt, isst er im nahegelegenen Restaurant Beefsteak und Pommes, trinkt Bier und schlägt die Einladung zweier wodkaseliger Enddreißigerinnen ab. Das, sagt er, hätte nur mit einem Blow-Job enden können.

Zu Schreiben begonnen hat Pelewin vor zehn Jahren, mit 26. Er hat Literatur studiert, den russischen Kleinen Booker-Preis mit 30 bekommen und sammelt seitdem diverse andere Auszeichnungen und ausländisches Lob: Pelewin wird wahlweise mit Nabokov, Poe, E. T. A. Hoffmann oder Gogol verglichen. Stipendien führten ihn bis nach Iowa-City, Reisen bis nach Süd-Korea und Indien. Pelewin sagt, er hätte immer das werden wollen, was er jetzt ist. Ein Star, der in der Metro nicht erkannt wird. Er spricht gerne über alles, aber nicht über Geld. Seine hohen Auflagen ermöglichen ihm einen ausgelassenen Lebensstil, der näher an den Neureichen dran ist als an den Angestellten in den Vorstädten, die seit Monaten kein Gehalt mehr ausgezahlt bekommen.

"Ich will meine Sachen runterschreiben, um danach drei Monate nichts tun zu müssen", sagt er, "ein schöner Job". Ein Leben, das ihm von altgewordenen Dissidenten, den literarischen Tabubrechern der 90er und von gleichaltrigen Schriftstellern geneidet wird. Sie sagen, der derzeit bekannteste russische Autor habe das Erfolgskonzept für auflagenstarke Literatur gefunden. Er habe keine Moral und keine Tiefe. Aber das sind auch viel zu klassische Erwartungen an eine Literatur, die temporeich zwischen Zeiten, Orten und Personen hin- und herspringt, das Geschehen aus tausend verschiedenen Perspektiven untersucht, als hätte man mit dem Bewußtseinsstrom einer multiplen Persönlichkeit zu tun. "Nein, der Intellektuelle scheut sich nicht, Heiligtümer zu zertrampeln. Nur eines scheut er wie die Pest - das Böse und seine Wurzeln beim Namen zu nennen. Denn wenn er das täte, könnte es sein, dass man ihm umgehend einen Telegrafenmast in den Arsch rammt", steht in "Buddhas kleiner Finger".

Im Verlagshaus, wo coole Jungs und hübsche Frauen durch die Gänge wirbeln, geht alles glatt. Sascha, der dicke Grafiker des Covers, und Pelewin loben sich gegenseitig und fragen den Gast dennoch immer wieder, ob er den Umschlag wirklich gut findet. Der Chefredakteur erscheint und bestätigt trocken die Annahme des Umschlags. Den Erfolg wollen der Schriftsteller und sein Grafiker sofort feiern. Sie fahren zu Saschas Wohnung. Dort wohnt dessen gesamte Familie, weil die Mieten in Moskau weiterhin so hoch sind, daß die erwachsengewordenen Kinder noch in den schäbigen elterlichen Wohnungen leben müssen. Während Sascha auf dem Diwan wie ein Pascha ruht, baut seine ausgemergelte Frau hintereinander drei Joints, die dann mit Tee und Keksen genossen werden. "Diese Bilder!", ruft Pelewin und diskutiert die Frage nach der Realität von Gemälden anhand der unterm Drogeneinfluß neu wirkenden Strukturen eines Kitsch-Bildes an der Wohnzimmerwand.

Um Drogen geht es auch in Pelewins neuestem Buch. Es heißt "Generation P" und ist zur Zeit das meistdiskutierte Werk in Russland. Nicht, dass das P allein für Pepsi steht. Es kann auch Past (Vergangenheit) heißen oder Pokolenie (Generation), sogar Pelewin. Das Buch, das die neue russische Welt beschreibt, kann als östliches Gegenstück zu Douglas Couplands "Generation X" gelten, als Chronik der Jugend im Westen wie im Osten. Mit Techno, Synthetik-Drogen, Internet, Reklame-Lebensstil und einer Pragmatik, die nun auch die Jeunesse Dorée Moskaus und St. Petersburg erreicht hat.

Was aber ist noch der Osten, wenn der Westen dort eingefallen ist? Pelewin winkt sich vor Saschas Wohnkomplex ein Privat-Taxi heran. Will nach zwei Tagen Abwesenheit nach Hause. Muß sich noch entscheiden, ob er die Affäre beichtet oder nicht. Was bleibt vom Osten? Nichts und alles. Weil alles eins wird in einem erdumspannenden Zeichensystem, in der jeder Pelewin verstehen kann, weil Pelewin jeden versteht. Eine schöne neue Welt? Viktor Pelewin steigt in den Lada, ohne Antwort zu geben. Soll man halt sein nächstes Buch lesen.

Viktor Pelewin war diesen Herbst Stipendiat der Stiftung Preußische Seehandlung im Literarischen Colloqium Berlin. Seine ersten Bücher sind bei Reclam Leipzig erschienen, der Roman "Buddhas kleiner Finger" liegt im Berliner Verlag Volk und Welt vor.

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