Kultur : Eine Berliner Straße in New York

Christie’s versteigert Hauptwerk Kirchners

Katrin Wittneven

Es gehört zu Berlin wie die Dreigroschenoper und Döblins Berlin-Alexanderplatz: Ernst Ludwig Kirchners 1913 entstandene „Straßenszene, Berlin“ trägt die Hauptstadt nicht nur im Titel. Auf dem erst kürzlich an die Erben Alfred und Thekla Hess restituierten Gemälde (vgl. Tagesspiegel vom 29. Juli) fängt der Maler die Begegnung von zwei Prostituierten und einem Freier inmitten einer anonymen Menschenmenge ein; ein Sinnbild der schnelllebigen Metropole kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Doch es ist mehr als unwahrscheinlich, dass die Milieuszene, die Jahrzehnte im Brücke-Museum gehangen hat, wieder in ein Berliner Museum zurückkehren wird. Mit einem Schätzpreis von 18 bis 25 Millionen Dollar wird das 121 mal 95 Zentimeter große Gemälde am 8. November bei Christie’s in New York aufgerufen. Das Auktionshaus feiert seinen Erfolg: „Es ist das mit Abstand bedeutendste Werk des deutschen Expressionismus, das im Rahmen einer Auktion der letzten 30 Jahre angeboten wird“, erklärt Andreas Rumbler, Geschäftsführer von Christie’s Deutschland. Die Seltenheit eines solchen Hauptwerkes auf dem Markt – alle acht anderen Straßenszenen-Gemälde von Kirchner befinden sich in Museen – legt nahe, dass es der zweite Spitzenpreis für Kirchner in diesem Jahr wird, nachdem im Februar bereits sein „Frauenbildnis in weißem Kleid“ mit 8,7 Millionen Dollar einen Rekordpreis erzielt hat. Es ging an einen Privatsammler, was nun wohl auch für die „Straßenszene“ gelten wird. Denn nur sie können im obersten Preissegment mithalten, was zuletzt Ronald Lauder mit 135 Millionen Dollar für Klimts „Adele“ in dem zweiten großen Restitutionsfall des Jahres bewiesen hat.

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