Kultur : Eine Betrachtung des "Wiener Freudenhauses"

Hermann Beil

26. Januar 1997: Als der Burgtheaterdirektor vor einigen Monaten den Wahlerfolg einer Partei, die bei jeder Gelegenheit demagogisch gegen Schriftsteller und Künstler agitiert, mit einem Zitat aus Thomas Bernhards "Heldenplatz" kommentierte, empörte sich darüber die herrschende Boulevardzeitung Österreichs mit einer dicken Schlagzeile. Von ganz anderer Seite aber kommt nun der Vorwurf, das Theater habe zu diesem fatalen Wahlausgang geradezu beigetragen, ja, es habe sogar Schuld am Aufstieg jenes Parteiführers, der nach einem Gerichtsurteil als "politischer Ziehvater des rechtsextremen Terrors" bezeichnet werden darf. Der Vorwurf an das Theater ist eine in ihrer Konsequenz recht bedenkliche Spekulation, denn was alles müssten wir wohl dem Theater und den Autoren der zwanziger und dreißiger Jahre vorwerfen, die hellsichtig vor kommendem Unheil gewarnt haben? Die Hellsichtigkeit des Theaters ist doch die Chance zur Einsicht. Es liegt ja nur an uns, ob wir uns selbst mit Blindheit schlagen. "Wenn das Haus durchsichtig wird, gehören die Sterne mit zum Fest", sagt wiederum Hugo von Hofmannsthal und definiert damit das doppelte Gesicht des Theaters. Zu diesem doppelten Gesicht gehört unbedingt die Fratze und gleichermaßen das Erkennen der Fratze. Ich denke, dem immer wieder zu erwartenden und immer wieder sich regenden Widerstand gegen die Hellsichtigkeit des Theaters liegt alles andere als Liebe zu Grunde: Es ist Angst, die Angst vor dem Spiel und die Angst vor der Freiheit des Spiels. Diese Theaterangst kann sich zu einem Theaterhass steigern, und so ist es sogar denkbar, dass eine Gesellschaft oder eine Stadtgemeinde aus Theaterhass und um ein Exempel zu statuieren, von einem Tag auf den anderen sich ihres Theaters entledigt. Wir haben es erlebt: auch Sparwut läuft, gepaart mit Opportunismus, gelegentlich Amok.

12. April 1999: Der Ideologe jener Partei, die in Österreich so richtig aufräumen möchte und sich dabei gelegentlich mit braunen Flecken bekleckert oder im Dschungel finanzieller Ungereimtheiten verheddert, verkündet jetzt, dass die Kunst eine Hure sei, denn Subventionen würden zur Prostitution verleiten. Dieser Funktionär vergisst zwar, dass auch seine Partei mit zig Millionen subventioniert wird, genannt Parteienförderung, aber sonst hat er absolut recht: Mozart war eine Hure, denn er hat für Honorar komponiert; Haydn war eine Hure, er ließ sich von den Esterházys aushalten; Schubert hatte es schwerer, durch Prostitution zu Geld zu kommen; Richard Wagner wiederum wusste als Haupt- und Staatshure ganz gewaltig anzuschaffen. Das prächtigste Freudenhaus aber erbaute und eröffnete Kaiser Franz Joseph I. anno 1888 am Ring: das Burgtheater. Ganz Wien wäre ja ohne die gigantischen Hurereien der vergangenen Jahrhunderte eine gesichtlose Stadt geblieben, von Rom oder Florenz ganz zu schweigen. Im Grunde seines ideologischen Herzens hat dieser FPÖ-Politiker auch gar nichts gegen Subventionen. Er will sie nur anders, also selbst verteilen und dabei alles zugleich sein: Zuhälter, Freier und Sittenpolizei."Theaternarren leben länger" heißt Hermann Beils erstes Buch, das Mitte März im Paul Zsolnay Verlag erscheint. Aus zwei der "Hundert und drei Geschichten" rund ums Wiener Burgtheater, dessen Co-Direktor Beil 13 Jahre lang neben Claus Peymann war, ist diese Glosse entstanden: zwei hellsichtige Notate aus den Jahren 1997/99. Seit Herbst ist Beil nun dramaturgischer Berater am Berliner Ensemble.

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