Eine Bilanz : Das Guggenheim Lab und die Strategie der Umarmung
26.07.2012 00:00 UhrWeniger ist mehr, oder umgekehrt: Wurde das Guggenheim Lab seinem Anspruch gerecht?
Wirklich ungern erinnert sie sich an ihre Einladung in den Kulturausschuss, an eine Befragung, die von allen Seiten moralische Ansprüche erhob. Um so mehr erstaunt es, dass ausgerechnet die Vertreter der Stadt im Juli einen Rückzieher machten, als es um unbequeme Themen ging: um den Verkauf städtischer Grundstücke und Liegenschaften, über die man in der Reihe „Soziale Stadt gestalten“ gerne mit Experten debattiert hätte. Doch die zuständige Staatssekretärin Margaretha Sudhof sagte ebenso kurzfristig ab wie der Geschäftsführer des Liegenschaftsfonds.
Ausgerechnet dort, wo das Guggenheim Lab mit Ausfällen zu kämpfen hat, offenbaren sich auch seine Qualitäten. Das ist nicht die temporäre Architektur, die auf Fotos überwältigend daherkam und sich real als Box mit Gardinen entpuppt, die nicht einmal Schutz vor Wind bietet. Es ist ihr symbolischer Gehalt. Die Box war ja schon Feindbild, bevor ihre Funktion im Detail für Berlin überhaupt geklärt worden war. Dafür schien endlich Gestalt anzunehmen, was die Stadt momentan in ihrem Innersten bewegt: steigende Mieten, Verdrängung, gated communities. Phänomene mit spürbaren Konsequenzen, deren Urheber jedoch nur schwer zu fassen sind.
Umso mehr boten sich die Labelnamen BMW und Guggenheim als Vehikel an, um die Ängste zumindest für eine Weile zu kanalisieren. Zur Eröffnung im Juni war die Zahl der Protestler allerdings schon sichtlich geschrumpft. Erst wurden sie von den Sicherheitskräften nicht auf den Pfefferberg gelassen. Später ließ das Interesse dann so schnell nach, dass nicht eine Veranstaltung nachhaltig gestört wurde.
Rückblick: Die Eröffnung des Labs
Guggenheim Lab
Vielleicht lag es aber auch an der Harmlosigkeit der Workshops und vieler Vorträge. Noch in der Phase der Vorbereitung retteten sich Guggenheim-Kuratoren wie Maria Nicanor in wolkige Begriffe wie Gentrifizierung. José Gómez-Márquez, Rachel Smith, Corinne Rose und aktuell Carlo Ratti haben die jeweils von ihnen verantworteten Programme mit derart konkreten Themen gefüllt, dass sich niemand mehr hinter verbalen Abstraktionen verstecken kann. Das führt allerdings zu neuen Irritationen und Grübeleien. Wenn etwa Maria Nicanor feststellt, man habe die erste Lab-Station in New mehr zur analytischen Auseinandersetzung genutzt, fragt man sich, weshalb sich in Berlin alles so handwerklich verkleinert. Man muss der Stadt nicht geben, was längst ihre Identität ausmacht. Auch wenn hinter der Entscheidung die grundsätzliche Frage steht, welches die bessere Strategie ist: Reden oder Handeln.
Eigentlich Handeln – aber in Berlin findet Aktivismus längst an allen Ecken statt. Und wie viele Kolloquien, Symposien und Fachtagungen hat es nicht schon gegeben? Stadtplaner unter sich, Stadtplaner mit Politikern usw. Im Guggenheim Lab sollten andere zu Wort kommen – Anwohner mit eigenen Erfahrungen und individuellem Blick. Gern im Dialog, damit beide Seiten voneinander lernen. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Mit konstruktiven Diskussionen wie über die Zukunft des Checkpoint Charlie zwischen Souvenirs und Würstchenbuden. Und den notorischen Besuchern, die sich vor allem selbst profilieren.
Nicht bei allen funktioniert die Strategie der Umarmung, schon weil die verbindliche Lab-Sprache Englisch war. Das schloss viele aus. Eine andere Art der Exklusion ist die Unterforderung. Wer seinen Geist anfüttern wollte, der blieb hungrig. Nicht jeder verändert seine Stadt, indem er sich mit den Fingern durch die Erde gräbt.
Video zum ursprünglich geplanten Standort Kreuzberg:
Kreuzberg ohne Denkfabrik









