Kultur : Eine Bloody Mary auf die Kunst

Amerikanische Sammler laden selbstverständlich nach Hause ein. Und es hängt schon mal ein Jackson Pollock über dem Kamin

Hans-Jörg Clement

Sherry Mallin drückt auf den Knopf einer Fernbedienung und schon klappern in ihrem living-room amerikanische Flaggen in einem rostigen Einkaufswagen aneinander. „Isn’t that great?“ Der Blick schweift von Hans Haackes Arbeit nach draußen auf den Central Park. Die Adresse ist exquisit: Central Park South. Sherry und Joel Mallin leben hier inmitten zeitgenössischer Kunst. Ob big shots wie Chuck Close, Donald Judd und Louise Bourgeois oder noch unentdeckte Talente – die Mallins gehen mit ihren Schätzen recht unprätentiös um. Die Bitte ihres Sohnes, der Enkelin beim nächsten Besuch die Darstellung eines Penis und dessen Absonderungen doch schonend nahe zu bringen, empfinden sie als albern. Das Mädchen hat schließlich Schwimmunterricht mit gleichaltrigen Jungs. Beunruhigend, lacht die Gastgeberin, wäre die Frage nach Aufklärung.

Dezidiert politische Werke wie Hans Haackes spöttische Bewertung des amerikanischen Patriotismus finden sich bei Yvonne Force Villareal weniger. Deutsche Arbeiten aber allemal. In ihrem Studio downtown, das Privat- und Geschäftsraum verbindet, dominieren zwei großformatige Bilder von Martin Eder. Die sind schräg, beißend, irritierend, ebenso grell wie düster: „And Your Bones Crumble like Cookies“, heißt eines der Werke. Und wie in einem Keks, mehr noch: einem Riesendonut, süß, bunt und klebrig, wird hier die Kunst arrangiert. Yvonne ist die Frau des Künstlers Leo Villareal, dessen Farbcluster als Videos oder Lichtinstallationen wabern; vor Sofalandschaften von John Chamberlain und Pierre Cardin, die – wie das gesamte Interior – an das ehemalige Playboy-Domizil von Gunther Sachs im Turm des Badrutt’s Palace in St. Moritz erinnern. Psychedelisch, schwülstig und vor allem: sexuell aufgeladen. Überall flackert und leuchtet es. Das überdimensionale blinkende Dollarzeichen von Tim Noble & Sue Webster signalisiert unmissverständlich: Hier geht es um Geld.

Zwei Tage vorher hatte an der Upper Eastside der Sammler Andrew Saul seine beiden Pollocks – der eine über dem Kamin, der andere über dem Sofa – noch lässig kommentiert: „It’s fun.“ Bei Yvonne wird anders gesammelt. Style und Design spielen eine maßgebliche Rolle, denn Mrs. Villareal ist Präsidentin und Kuratorin des Art Production Fund. Hier wird Kunst als Gebrauchsgegenstand produziert. Ganz mittellos sollten die Kunden allerdings nicht sein. Der Duschvorhang mit einer farbig verspielten Szenerie von Lisa Yuskavage – er hängt im Kinderbadezimmer – kostet 3500 Dollar. Teppichware, die Rosen blühen lässt, gibt es im Angebot und ist probeweise ausgelegt. Im Schlafzimmer setzen sich die Bewohner dieser Raum- und Zeitkapsel des reanimierten Jet Set härterer Kost aus. Mit Matthew Barneys Hermaphroditen einzuschlafen und aufzuwachen, ist eine Entscheidung. Auch der Gang zur Morgentoilette bringt keine Erlösung. Das Badezimmer ist von einer überdimensionalen Wachsskulptur in Beschlag genommen. Die fleischfarbene – und vermutlich auch fleischfressende – Pflanze signalisiert ästhetische Aggression. Diese Sammlung ist wie ein Filmset, in dem sich die Besucher wie Statisten bewegen. Wer auch immer hier Regie führt – das wirkliche Leben ist es nicht.

Vom wirklichen Leben können Susan und Michael Hort erzählen. Als ihre Tochter Rema 1995 im Alter von 30 Jahren an Krebs verstarb, trafen sie eine weitreichende Entscheidung. Gemeinsam mit Freunden gründeten sie eine Stiftung, gaben ihr den Namen der Tochter, und verschrieben sich der zeitgenössischen Kunst. Das Ehepaar gehört inzwischen nach Einschätzung von Branchenblättern zu den einflussreichsten Protagonisten der internationalen Kunstwelt. Dass sich Susan und Michael Hort auch um das Schicksal schwerstbetroffener Krebspatienten kümmern, wird dabei fast vergessen. In dieser Liga, in denen die meisten deutschen Sammlungen kaum mitspielen können, überlässt man die Präsentation nicht mehr allein dem eigenen Blick und holt den Rat eines Kurators ein.

Michael Hort sitzt etwas erschöpft auf einer Treppe der sich auf drei Etagen erstreckenden Wohnung südlich der Canal Street, die alljährlich Schauplatz eines Art-Brunch für die V.I.P.s der Kunstwelt ist. Allein auf der ersten Ebene hängen, stehen, schweben, bewegen sich fast einhundert Exponate. Die geladenen Besucher der sonst nicht für die Öffentlichkeit zugänglichen Sammlung stoßen im Entrée auf ein überdimensionales Gemälde der noch unbekannten Andrea Lehmann. Ein bewusster Paukenschlag der Horts, die beispielhaft No-Names mit den Stars der Stunde kombinieren: Im obersten Stock hängen fünf Werke von Neo Rauch im Museumsformat. „Our Leipzig“, nennt das Paar den Raum. Überhaupt sammeln die Horts deutsche Kunst. „The German Connection“, hieß die Hängung im Jahr 2003, als sie ausschließlich Arbeiten in Deutschland geborener oder lebender Künstler präsentierten.

In New York dürfte es zurzeit keine nennenswerte Sammlung geben, die nicht einen deutschen Maler listet. Inzwischen greift man auch ein bisschen tiefer in die Kiste und trifft auf neue alte Schätze. Tim Nye ist Galerist und zeigt in seinen Räumen am Gramercy Park gerade eine Schau mit dem wiederentdeckten Martin Kippenberger, der seine souveränen Zeichnungen und Skizzen unter anderem auf Rechnungszettel der „Paris Bar“ hauchte. German Art nicht mehr ganz so jung. Natürlich ist Nye auch privat ein Sammler und demonstriert in seinem genialisch-reduzierten Apartment zwischen Medienräumen, Podien, einer großzügigen Ruhezone mit spektakulärem Aquarium, wie ein junger Galerist lebt: sophisticated. Der Kippenberger ist museumsreif, der Leuchter über dem Esstisch eine Neonskulptur von Jason Rhoades und Richard Jacksons farbspritzende Bärenskulptur wird auf einer Empore platziert, als sei sie für diesen Ort geschaffen. Hier wird nichts dem Zufall überlassen; eine aufregende Mischung aus bestechendem Kalkül und lässiger Liebe zum Kunstwerk.

Lässigkeit und Humor sind Programm bei Laura Skoler. Sie kommt ohne Kurator aus. Am Central Park West hat sie das ehemalige Apartment der Tanzlegende Georges Balanchine gekauft. Das ist aber ihre einzige Reminiszenz an die Vergangenheit. „Young Art – that’s what it is all about“, prostet Laura mit einer Bloody Mary zu und stuft im selben Atemzug ihre Sammlung als unbedeutend ein. Jenny Holzers Bank, in die „Truisms“ eingemeißelt sind, eine Bruce Nauman-Neonarbeit über der Küchenzeile, Sophie Calle, John Currin, Lawrence Weiner, Robert Rauschenberg, Cindy Sherman und auf dem Coffee Table eine Louise Bourgois? Keine Frage: Laura untertreibt.

Dennoch weht ein anderer Wind durch die Räume als bei anderen private collectors. Die Arbeiten sind nicht immer die größten und kaum die bedeutendsten aus den Oeuvres, sie hängen schief und in schlechtem Licht und die Namen ihrer Schöpfer sind auf dem Leitfaden, der an die Besucher ausgeteilt wird, schon mal falsch geschrieben oder handschriftlich verbessert. Improvisation ist angesagt. Aber Laura Skoler ist eine Überzeugungstäterin. Sie sprüht vor Begeisterung, wenn sie von Felix Gonzales Torres erzählt oder von ihrem letzten Besuch im New Museum for Contemporary Art. Natürlich sitzt sie dort im Board. „Passion“, sagen die Amerikaner, und schon zischt Leidenschaft durch den Raum.

Die Kunst als Bestandteil privaten Lebens und die Bereitschaft, seine intime Umgebung zu öffnen: Was für den europäischen Blick befremdlich scheint, wird in den Kunstmetropolen der Ost- und Westküste entspannter gesehen. Viele der amerikanischen Sammler möchten, dass andere an der von ihnen gesammelten Kunst teilhaben – nicht nur Freunde, Kollegen oder der potenzielle Geschäftspartner aus dem Golfklub. Keine Scheu, nur weil in großer Zahl unbekannte Gäste durch die privaten Räume flanieren, unabhängig davon, ob auf dem Schreibtisch persönliche Notizen liegen, im Bad der Schmuck der Gastgeberin verstreut bleibt und im Schafbereich der begehbare Kleiderschrank offen steht. Als Einbruch in die Privatsphäre wird das nicht empfunden.

Das, was man hat, zu zeigen, darüber zu sprechen, es zum Bestandteil des ganz normalen Lebens zu machen, hat in Amerika viel mit bürgerschaftlichem Engagement zu tun. Der eigene Lustgewinn steht im Vordergrund, aber er speist sich aus dem Bewusstsein, fördernd tätig zu sein. Natürlich darf er auch zum Wertgewinn werden: Prestige und Status sind mal mehr und mal weniger Kriterium, sich mit Kunst zu umgeben. Die Idee aber, die Arbeiten vom privaten Leben losgelöst in musealem Kontext zu präsentieren, liegt dem amerikanischen Kunstenthusiasten eher fern. Gemeinschaftliche Leidenschaft darf in den eigenen vier Wänden erlebt werden. Come in and see. In Europa – und in Deutschland allemal – liegt die Hemmschwelle zur Öffnung des privaten Raums dagegen hoch. Erika Hoffmann zählt zu den wenigen deutschen Sammlern, die das Teilhaben anderer als Bestandteil ihres Sammelns verstehen. Und immer wieder hört sie die erstaunte Frage ihrer Besucher: „Und in diesen Räumen leben Sie auch wirklich?“

Hans-Jörg Clement ist Kurator, Leiter Kultur der Konrad-Adenauer-Stiftung und Geschäftsführer des Else-Heiliger-Fonds.

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