Kultur : Eine Dokumentation von Hermann Raum

Kerstin Decker

Eigentlich wollte er es anderen überlassen. Sollten die doch sagen, was übrig bleibt von der Malerei der DDR. Und wieviel. Er hat ja sein ganzes Leben mit ihr verbracht, als Professor, Galeriedirektor und Vizepräsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR. Vier Mal war er verantwortlich für den Beitrag der DDR bei der Biennale in Venedig. Nein, er würde sich nicht mehr einmischen.

Aber dann sah Hermann Raum diese neuen DDR-Kunst-Bücher, die genau das machten, was auch die SED immer wollte: Sie nahmen Kunst als Illustration ihrer politischen Entstehungsbedingungen! Früher hatten die Maler sich gewehrt. Jetzt plötzlich, als alles zu Ende war, schien es beschlossene Sache. Wurde der eigentliche Sozialistische Realismus erst nach 1990 geschaffen - als geistige Tatsache?

Hermann Raum begann, Bilder auszusuchen, andere daneben zu legen. Bilder, die ihm nicht aus dem Gedächtnis wollten und solche, die er nun noch mal prüfen musste. Das war 1996. Der "Fall Weimar" im letzten Jahr, der vorerst letzte Interpretationsversuch der DDR-Malerei, noch weit weg.

Ein alter Mann tritt ans Redner-Pult in der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Ostbahnhof. Seit ein paar Stunden ist sein letztes Buch fertig. Es heißt einfach "Bildende Kunst in der DDR". Erst auf der Innenseite steht der Untertitel: "Die andere Moderne". Darum geht es. Das will Raum zeigen. Auf dem Umschlag Wolfgang Mattheuers "Jahrhundertschritt", dieses Figur gewordene kopflose Voran, die Hände erhoben zum Arbeiter- und zum Hitlergruß. Bisher habe man das Verhältnis von Geist und Macht geprüft; das System selbst, so Raum, habe dieses Verfahren provoziert. Weil es die erzieherische Wirkung von Kunst maßlos überschätzte. So entstand ein Berg quasi-offizieller Kunst, der bis heute den Blick auf das Eigentliche verstelle. Er, Hermann Raum, wolle ihn nun öffnen. Es ist ein Buch der Werke geworden. Ja, wenn man will, ein Bekenntnisbuch in Bildern. Sehr subjektiv. Raum, 76 Jahre alt, hat ausgewählt, was ihm unverlierbar scheint. Und dennoch zu vieles weggelassen. Jede Auswahl ist ein Akt der Ungerechtigkeit.

"Bildende Kunst in der DDR" ist ein wunderbar gestalteter, unendlich sorgfältig gemachter Band aus der "edition ost". Zu groß für einen so kleinen Verlag, undenkbar ohne die Förderung der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Je eine Doppelseite für jeden Künstler, darauf ein "Hauptbild", zwei oder drei andere, das erste kommentierend, dazu ein Essay. Ein paar dieser Doppelseiten stellt Raum jetzt vor. Eugen Hoffmanns blaue Augenflecken, die ein Selbstbildnis von 1945 beinahe zur Ecce-homo-Darstellung machen, Herbert Sandbergs "Eiferer" - dieses Bild, das 1948 schon alles Kommende enthielt, eben das Eiferertum. Danach Edmund Kestings "chemische Malerei" von 1949 ("Blauer aufstrebender Keil"). Über Namen wie Voigt, Ehmsen, Hassebrauk, Penck, Kastner, Schönfelder geht das weiter zu Grimmlings "Schuld der Mitte", diesen verzweifelt-stürzenden Hand-Füßen, bis zu Joachim Völkner. Dem letzten sozialistischen Realisten, wie Raum sagt.

"Vorhof" von Joachim Völkner entstand 1983 / 84. Ein allerletztes Menschenpaar neben einem allerletzten Baum. Der Baum ist tot und eingezäunt. Hier pflückt keiner einen Apfel mehr, nicht mal die nackte, kahlköpfige Eva mit den Spinnenhänden, an der nichts mehr Versuchung ist. Das Fleisch, die Erkenntnis, die Äpfel, die Bäume - alles verspielt. Sozialistischer Realismus. Plötzlich stimmte das Wort. Dass ein Bild von solch ätzender Systemkritik mehrmals auf DDR-Kunstausstellungen zu sehen war, müsste einiges relativieren, sagt Raum.

Er hat die DDR-Kunst in drei Zeitabschnitte unterteilt. Sie kennzeichnen die Bewegungs(frei)räume der Kunst. "Aufbruch, Abbruch und Selbstbehauptung" heißt der erste (Formalismusdebatte, Bitterfelder Weg), es folgt "Wachstum und Suche im Gegenwind" (das Patt der siebziger Jahre zwischen Repression und Toleranz), die dritte Phase nennt Raum "Freie Fahrt auf offener See". Das sind die Achtziger, als die Jungen, nun gänzlich unbeherrschbar, ins Freie drängten. Hierher gehört Völkner. Viele von ihnen sind aus der DDR weggegangen. Trotzdem stehen sie jetzt in Raums Buch für das, was er "die andere Moderne" nennt.

Geht das? Eine noble Retrospektive sei es geworden, sagt nachher der Kunstwissenschaftler Jens Semrau. Das "nobel" oszilliert zwischen Anerkennung und Zweifel. Zu nobel vielleicht für ein so kindisches Land, in dem Kollektive der Deutschen Post Briefe schreiben mußten an Kulturfunktionäre, um Bilder als "üble Machwerke" zu diffamieren? War die DDR überhaupt jemals volljährig - im geistigen Sinne? Und überhaupt, was ist die "Moderne"? Semrau gesteht, an diesem Begriff noch irre zu werden. Der Bildhauer Rolf Biebl, in der DDR Schöpfer schrecklicher Titanen ("Der Rufer", "Vineta-Mann"), schlägt vor, die Sache etwas zu vereinfachen und zwischen guter und schlechter Kunst zu unterscheiden. Eine Methode, mit der er selbst hervorragende Erfahrungen gemacht habe. Biebl findet es noch immer skandalös, dass nach der Wende die gesamte DDR-Sammlung der Nationalgalerie im Keller verschwand. und erinnert an das Brecht-Wort, alles, was nicht kriegsverherrlichend sei, dürfe gezeigt werden. Ob man die Sachen daraufhin nicht noch mal überprüfen könne? Und erst dann wegräumen, wenn sie wirklich keiner mehr sehen wolle?

Natürlich ist das Buch eine Verbrämung, überlegt Hermann Raum. "Mein Blick ist viel kritischer geworden und trotzdem kommt eine Nobilitierung raus." - Weil die durchschnittliche DDR-Kunstausstellung doch anders aussah? - Eben darum, sagt Raum.

Und doch ist es keine Lüge. Weil es die Werke ja gibt. Weil sie fast alle auch damals zu sehen waren. Und weil das Gültige nichts mit politischen Haltungen zu tun hat. Sitte bleibt wohl, auch wenn er Beuys nie verstand und lange - zu lange? - an den real existierenden Sozialismus glaubte.

Raum hat ein "The best of"-Buch gemacht. Nur dass er es nie so genannt hätte.Hermann Raum, "Bildende Kunst in der DDR", edition ost 2000, 319 Seiten.

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