Kultur : Eine Entdeckung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts: Ludwig Pietsch träumt von Berlin

Wolf Jobst Siedler

War die Literatur der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wirklich so belanglos? Natürlich, man weiß, dass Hebbels "Nibelungen" 1861 erschienen sind, und auch Mörikes grosse Gedichte stammen oft aus diesem Jahrzehnt. Ganz so arm ist keine Epoche, dass sie gänzlich erinnerungslos in das Nichts geht. Aber zwischen Goethes Tod und der Eruption Hauptmanns, Georges und Hofmannsthals war es mit der Produktivität der deutschen Schriftsteller zwischen 1830 und 1880 ziemlich trübe bestellt.

Das wird einem wieder einmal deutlich, wenn man ein Erinnerungsbuch von Ludwig Pietsch, einem der gefeierten Kritiker jener Zeit, durchmustert, das soeben wieder ans Licht des Tages gezogen wurde. Schon wenn man das Register des Bandes Revue passieren lässt, sind es eigentlich wenige Gestalten, die ins Auge fallen und Interesse erregen. Das steht in merkwürdigem Gegensatz zur politisch-staatlichen Welt, die von Bismarck über Moltke bis zu Lasalle und Marx vor Genie fast birst. An die große Geschichtsschreibung Rankes und Mommsens, auch des frühen Treitschke, darf man gar nicht denken.

Das Merkwürdige ist, dass die Männer des Staates fast ausnahmslos besser schreiben als die Novellisten, Dramatiker und Lyriker. Bismarck ist einer der großen Stilisten dieser Ära, und man liest die Briefe an Johanna noch nach einem Jahrhundert voller literarischer Bewunderung. Moltkes Brautbriefe - zwischen verhaltener Werbung und der Behutsamkeit des Jahrzehnte Älteren - sind in die Literaturgeschichte eingegangen, auch wenn sein Schlachtenruhm verwelkt ist. Der junge Karl Marx (im dritten Band seines "Kapital" wird er allerdings ziemlich mühselig) gehört auch in sprachlicher Hinsicht zur Hinterlassenschaft der Jahrhundertmitte.

Aber der Freundeskreis von Ludwig Pietsch, vor allem Friedrich Eggers und Wilhelm Lübke, die in diesem Buch immer wieder auftauchen, sind meist vergessen, und so liest man ihre Porträts mit mäßigem Vergnügen. Auch über die wenigen wirklich Großen, denen er begegnet, sagt Pietsch eigentlich nichts Bemerkenswertes. Adolf Menzel oder Ferdinand Lasalle huldigt er auf durchweg konventionelle Weise. Was für ein Porträt des uralten Bismarck gibt der junge Alfred Kerr in seinen "Berliner Briefen". Wie lebendig schildert der blutjunge Alfred Kerr seinen literarischen Gott Gerhart Hauptmann, und wie anschaulich wird einem in seiner Schilderung Clara Zetkin bei ihrem Auftreten auf dem Sozialistenkongress in London. Es kommt eben doch nicht darauf an, wen einer gesehen, getroffen und bewundert hat, sondern wie er diese Begegnung schildert, und ob es ihm gelingt, die Zeit in dem Porträt einer Persönlichkeit einzufangen.

Ludwig Pietsch hat sein Erinnerungsbuch aus den fünfziger Jahren in vergleichsweise jungen Jahren geschrieben, und wir wollen hoffen, dass er in späteren Jahren ein besserer Schriftsteller geworden ist; sonst wäre sein Ruhm bei seinen Zeitgenossen gar nicht verständlich. Aber man hat nach der Lektüre dieser Erinnerungen wenig Neigung, Pietschs Entwicklung als Autor nachzuprüfen. Man glaubt lieber ohne weiteres Examen dem ein wenig wegwerfenden Urteil von Theodor Fontane, der von seinem Kollegen wenig hielt.

Allerdings, man soll gerecht sein. Ludwig Pietsch, der zu dieser Zeit ein dilettierender Schriftsteller war, zeichnete und malte damals vor allem. Er hielt sich über Wasser, indem er die Werke der großen Bildhauer der späten Rauch-Studie in Graphiken umsetzte, wenige in Stiche, die meisten in Lithografien. Er scheint mit diesen nachschaffenden Bildern in Berlin beträchtliches Ansehen gewonnen zu haben, denn damals verachtete man die gerade aufkommende Fotografie, und die Verlage statteten ihre Bücher gern mit freien Illustrationen aus.

In der Leere des Alexanderplatzes

Ludwig Pietsch stand nicht in der Mitte von Literatur und Gesellschaft seiner Zeit, aber er war doch nahe genug daran, dass er mit einigen von ihnen auf vertrautem Fuße stand. Friedrich Drake, der Schöpfer der Statue Friedrich Wilhelms II. im Tiergarten, Hermann Schievelbein, der allgemein geschätzte Mitarbeiter von Begas, und die anderen Bildhauer der Schlossbrücken-Figuren gingen mit ihm freundlich herablassend um - was sehr merkwürdig ist, da dieser ihre Werke im Grunde wenig schätzte. Nur Reinhold Begas war sein Gott, und an seinem Neptuns-Brunnen, der einst vor dem Stadtschloss, jetzt in der Leere des Alexanderplatzes verloren steht, kann man sozusagen noch ablesen, dass Begas einst Schadow und Rauch gemeinsam über das Taufbecken gehalten haben.

Begas war tatsächlich der Begabteste seiner Generation, und darin hatte Ludwig Pietsch vollkommen Recht. Erst mit Tuaillon, Kolbe und Lehmbruck kam ein neuer Ton in die Berliner Bildhauerei. Dass Begas später mit seinem "Bismarck"-Standbild, seit Hitler am großen Stern (früher vor dem Reichstag Wallots), und seinem nach dem Kriege abgerissenen Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf der Schlossfreihiet ins Pompöse abglitt, kann man seinem frühen Bewunderer Pietsch nicht nachtragen.

Wahrscheinlich sind die Schilderungen dieses Berlins von 1850 das Interessanteste an seinen Aufzeichnungen. Die fünfziger Jahre nehmen eine merkwürdige Zwischenstellung in der Stadt- und Baugeschichte Berlins ein, nicht ein vormärzliches Biedermeier und noch nicht die vor Vitalität und Modernität vibrierende Kaiserstadt. Berlin sprengt gerade die alte Stadtgrenze am Brandenburger Tor. Das Tiergartenviertel entsteht, aber auf eher zufällige Weise. Pietsch hat selber zwischen Landwehrkanal und Tiergartenstrasse ein bescheidenes Domizil gefunden. Er ist glücklich, als er dort eine Dreizimmerwohnung ergattert.

Aber Pietsch legt es nicht darauf an, dieses neu entstehende Berlin zu schildern. Vielleicht hat er es gar nicht gemerkt, wie die preußische Residenzstadt zur deutschen Kaiserstadt wird. Aber seine Schilderungen etwa der zweigeschossigen Bendlerstrasse, an der kurze Zeit später der berühmte Bendlerbock entstehen sollte - wo der 20. Juli stattfand -, hält dieses vorstädtische Tiergartenviertel fest - zweigeschossige, selten dreigeschossige Villen eher kleinbürgerlichen Zuschnitts, auf deren hölzernen Balkonen die Familie Pietsch die ländliche Stille genießt. Überall blühende Fliederbüsche, Rhododendren und weitläufige Gärten, in denen hier und da noch Tiere gehalten werden.

In solchen Schilderungen wird deutlich, was Ludwig Pietsch hätte leisten können, wenn er seine einzige Möglichkeit begriffen hätte, in die Literaturgeschichte einzugehen. Aber da stand ihm vielleicht doch sein mangelndes sprachliches Vermögen im Wege, denn nicht nur sein Satzbau, auch seine Wortwahl sind ziemlich kläglich, so dass man beim Lesen mehr als einmal die Augen niederschlägt.Ludwig Pietsch: Wie ich Schriftsteller geworden bin. Der wunderliche Roman meines Lebens. Aufbau Verlag, Berlin 2000. 670 Seiten, 79,90 DM.

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