Kultur : Eine Fackel mit Namen Europa

Heute eröffnet das Literaturfestival Berlin.

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Aus welcher Entfernung schaut uns Europa heute an? Die mythologische Gestalt, der einst Göttervater Zeus verfiel, verliert sich im Nebel des Vergessens. Die Bevölkerung des Kontinents ist im Schwinden begriffen. Und die Beschwörung des inneren Zusammenhalts klingt, wenn sie denn jemals die Chance hatte, Gehör zu finden, wie kraftlos in den politischen Wind gesprochen. Der Schlachtruf „Europe Now“, den das am heutigen Dienstag beginnende 12. Internationale Literaturfestival Berlin für die letzten drei seiner 13 Tage ausgegeben hat, kann im Zweifel auch als Formel für die Sterbesakramente dienen.

Was zwischen Aufbruch und Abschied den Schriftstellern und Schriftstellerinnen vorschwebt, die sich vom 14. bis 16. September im Haus der Berliner Festspiele zur Bildung eines „literarischen Rettungsschirmes“ verabredet haben, wird jede Veranstaltung einzeln beantworten müssen. Denn um die „Zukunft des Romans“, die Tim Parks, John Burnside und Georg Klein in den Blick nehmen (15.9., 18 Uhr) muss einem weniger bange sein als um „die Verfertigung der europäischen Identität durch das europäische Feuilleton“ (16.9., 11 Uhr), womit dieses allerdings auch überfordert sein dürfte. Und die „Religion in Europa“ hat mit einem Showkatholiken wie Matthias Matussek (16.9., 16 Uhr) einen so einfältigen Verteidiger wie das sich allen Brüsseler Kontrollversuchen entziehende Netzwerk von Reise- und Handelsstraßen in den Osten Europas und hinter seine Grenzen in dem Historiker Karl Schlögel einen klugen Beobachter (14.9., 18 Uhr).

Um Europa kommt man bei allen Versuchen, den eigenen Horizont zu überschreiten, aber von Anfang an nicht herum. Denn mit dem diesjährigen Friedenspreisträger Liao Yiwu hält ein chinesischer Dissident die Eröffnungsrede, der seine Zuflucht in Berlin gefunden hat und durch sein bitteres Gefängnisschicksal eine lebende Mahnung ist, vor der Menschenrechtspolitik der asiatischen Supermacht nicht die Augen zu verschließen. Auch wenn um 21 Uhr der Dichter Gerhard Falkner aus seinen „Pergamon Poems“ liest, die Motive des Pergamon-Altars in unsere Gegenwart zu übersetzen versuchen, ohne einem antikisierenden Gestus zu folgen, wird nicht nur in dem Gedicht mit dem Titel „Europa“ das Thema benannt: „Erschrick nicht, wenn du diesen Arm nicht kennst / der irgendwo, wo nichts ist, noch ein Stück / der Fackel hält, der Fackel, die als Waffe gegen die Giganten / das Bruchstück bildet, das die Welt / in eine neue Ordnung kämpft, die Götter laufen wie Maschinen / keiner blickt nach oben, alle immer nur nach vorne – / zielgerichtet: /Mit diesem Blick beginnt Europa!“

Fast 200 Autoren präsentieren sich in fast 130 Veranstaltungen, wobei das Haus der Berliner Festspiele der Hauptspielort ist, aber über zwei Dutzend andere Bühnen ebenfalls in Anspruch genommen werden. Im Deutschen Theater stellt Ha Jin seinen Roman „Nanking Requiem“ vor (7.9., 20.15 Uhr), der Kenianer Ngugi wa Thiong’o spricht über afrikanische Gewaltherrschaft (11.9., 19.30 Uhr). Und die Kulturinstitute der Länder öffnen sich auch ihnen fremden Kulturen: So spricht im Collegium Hungaricum Yasmine El Rashidi, die ägyptische Herausgeberin des in New York auf Englisch erscheinenden Magazins „Bidoun“, über den arabischen Frühling (10.9., 19 Uhr).

Die mit 48 Veranstaltungen stärkste Programmsparte ist „Literaturen der Welt“ – von Neuentdeckungen wie Teju Cole (13.9., 19.30 Uhr) bis zu Stars wie Zeruya Shalev (14.9., 21 Uhr). Daneben gibt es Lesungen mit Kinder- und Jugendbuchautoren sowie die Abteilung „Erinnerung, sprich“, in der Norbert Miller des kürzlich verstorbenen Universalschriftgelehrten Ivan Nagel gedenkt (6.9., 18 Uhr). Jonathan Meese und Durs Grünbein geben eine „Pressekonferenz“ zur imaginären „Diktatur der Kunst“ (9.9., 19.30 Uhr). Und am 8.9. findet von 10 bis 18 Uhr ein Graphic-Novel-Tag statt, bei dem Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne elf Zeichner in Wort und Bild präsentiert.

Das Fest kann beginnen. Die Dauerkarte gibt es für 50 Euro (ermäßigt 40) fast umsonst – wie viel Zeit es kostet, sich unter www.literaturfestival.com einen Überblick zu verschaffen, ist ein anderes Thema. Gregor Dotzauer

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